Mit dem Taxi zum Gestapo-Verhör

März '38: Die Verhaftungswelle durch die Gestapo läuft gespenstisch und lautlos an. Das Konzentrationslager Dachau als erste Station für Regimegegner jeglicher Couleur.

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Dachau – (c) Reuters

Am 12. März 1938 stand der schon lang arbeitslose Klaviermacher und illegale „Sozi“ Franz Olah früher als gewohnt auf. Er war 28 Jahre alt. Für so wichtig hielt er sich nicht, dass er gleich am Tag des Anschlusses an Hitler-Deutschland verhaftet werden sollte. Ein Irrtum – schon um vier Uhr früh standen zwei Kriminalbeamte vor der Tür: „Ah, Sie san scho' auf?“

Bei der Razzia holte man gleich auch Adolf Schärf, einen wesentlich bekannteren Sozialdemokraten. Rechtsanwalt Schärf spendierte sogar ein Taxi für die Fahrt auf die Roßauer Lände, das Polizeigefangenenhaus. Beim ersten Spaziergang im Hof begegnete ihnen der Hofrat Weiser, bis vor wenigen Stunden noch Chef der österreichischen Staatspolizei, und der Vizepräsident des Landesgerichts, Dr. Osio. Der nahm die Sache auf die leichte Schulter: „Mir kann nichts passieren, ich hab schon den Eid auf den Führer abgelegt. Bestenfalls pensionieren sie mich.“ Ein grausamer Irrtum. Osio, der zuvor Sozialdemokraten und Nazis verurteilt hatte, wurde im KZ zu Tode geschunden. Er war Halbjude.

Nach drei Wochen ständiger Verhöre ging der erste Sammeltransport mit Christlichsozialen, Sozialdemokraten, Kommunisten und Monarchisten ab nach Dachau. Rudolf Kalmar war dabei, damals noch ein junger Journalist, ebenso Josef Kimmel von den „Ostmärkischen Sturmscharen“. Kimmel wollte immer Staatssekretär für das Sicherheitswesen werden, schreibt Olah in seinen Memoiren. In Dachau lernte Olah die christlich-sozialen Funktionäre Richard Schmitz, Alfons Gorbach, Leopold Figl und Johann Staud kennen. Man half einander so gut es ging. Und trotz Prügelstrafe überlebten die vier Männer, die später die Republik und den Gewerkschaftsbund aufbauen sollten. Auch Kurt Schumacher war hier inhaftiert, der Wiedergründer der deutschen Sozialdemokraten nach 1945.

 

„Nachhilfestunden“ bei Olah daheim

Olah litt sieben Jahre in KZ-Haft. Ich durfte ihm in den Siebziger- und Achtzigerjahren oft in seinem Haus in Baden lauschen. Viele Sozialisten, die ich noch als alte Herren kennenlernen konnte, waren Olahs Leidensgefährten gewesen. Robert Uhlir, einst SPÖ-Fraktionsobmann, Otto Skritek, ein kompetentes Fossil im Nationalrat, oder Fritz Bock, später Handelsminister und Vizekanzler in der Ära Josef Klaus, Karl Mantler, Friedrich Hillegeist . . .

Der kleine Auszug einer erschreckend langen Liste von Mitbürgern (auch Nichtjuden), die entweder freiwillig ins Exil gingen, vertrieben oder ermordet wurden, liest sich heute wie die Ehrentafel österreichischer Gelehrsamkeit, Kunst und Kultur. Und er zeigt, welchen geistigen Aderlass nicht nur die neuen „Ostmärker“, sondern auch Hitlers Reich aus Verblendung hinnahm:

Otto Bauer, Paul Abraham, Ludwig Adamovich, Ralph Benatzky, Franz Theodor Csokor, Richard von Coudenhove-Kalergi, Josef Dobretsberger, Edmund Eysler, Karl Farkas, Fritz Hochwälder, Clemens Holzmeister, Ödön v. Horváth, Ludwig Heinrich Jungnickel, Hans Kelsen, Fritz Kreisler, Josef Krips, Karl Landsteiner, Hermann Leopoldi, Otto Loewi, Theodor Meysels, Robert Musil, Max Reinhardt, Alexander Roda Roda, Arnold Schönberg, Erwin Schrödinger, Josef Schumpeter, Robert Stolz, Richard Tauber, Helene Thimig, Bruno Walter, Hans Weigel, Franz Werfel, Fritz Wotruba, Carl Zuckmayer, Stefan Zweig . . .

Juden und auch „arische“ Hitler-Gegner, die blieben, mussten zunächst eine besondere Demütigung über sich ergehen lassen: Mit Seifenlauge und Reibbürste hatten sie aufgemalte Parolen der Schuschnigg-Ära von den Straßen zu waschen. Ein Augenzeuge: „Die erste Reibpartie sah ich auf dem Praterstern. Sie musste das Bild Schuschniggs entfernen, das mit einer Schablone auf den Sockel eines Monuments gemalt worden war. SA-Leute schleppten einen bejahrten jüdischen Arbeiter und seine Frau durch die Beifall klatschende Menge. Tränen rollten der alten Frau über die Wangen, und während sie starr vor sich hinsah und förmlich durch ihre Peiniger hindurchblickte, konnte ich sehen, wie der alte Mann, dessen Arm sie hielt, versuchte, ihre Hand zu streicheln. ,Arbeit für die Juden, endlich Arbeit für die Juden!‘, heulte die Menge. ,Wir danken unserem Führer, er hat Arbeit für die Juden beschafft!‘ . . .“

 

Der Kreuzweg eines Monarchisten

Auch die Monarchisten gerieten in die Mahlsteine des Regimewechsels. Ihr Exponent war der Baron Hans Karl Zeßner-Spitzenberg, 1885 in alten böhmischen Adel hineingeboren. Der Verfassungsrechtler hatte naturgemäß einige Vorbehalte, was die „Ständestaat“-Verfassung von Dollfuß im Jahr 1934 betraf. Dennoch rief er im März '38 die Monarchisten zur (vereitelten) Volksabstimmung Schuschniggs für ein selbstständiges Österreich auf.

„Die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 war“, schreibt Zeßners Sohn Karl Pius, „die Ölbergstunde unseres Vaters. Wir saßen rund um den Esstisch und hörten die Abschiedsrede von Schuschnigg. Als der letzte Ton des ,Kaiserquartetts‘ verklungen war, kniete unser Vater nieder und forderte uns auf, mit ihm den schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Im Radio hörten wir dann noch die Klänge der ,Unvollendeten‘ von Franz Schubert und kurz danach: zackig-abgehackte preußische Militärmusik. In der Sprache der Musik kam so die ganze Wucht der Wende zum Ausdruck, die die Tore in eine schreckliche Zukunft öffnete.“

Am 18. März '38 wurde Zeßner während der Heiligen Messe in der Kaasgrabenkirche von der Gestapo verhaftet. Bis zum Juli war er im Landesgericht in „Schutzhaft“, dann begann sein Leidensweg mit dem Transport (in einem Viehwaggon) ins Konzentrationslager Dachau. Jeder Fünfte erlitt bereits bei diesem Transport schwere Verletzungen, so auch Zeßner: Ein Schlag in die Nieren bewirkte schwere innere Verletzungen, die zum frühen Tod des KZ-Häftlings führten.

Im Lager bekannte Zeßner, dass er „im Glauben an Gott und an ein christliches Österreich unter der Führung des Hauses Habsburg die einzige Rettung für die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit meines Vaterlandes“ sehe. Er kam in den Isolierblock und hatte härteste Sklavenarbeit zu verrichten. Schon in der ersten Woche verließen den Unglücklichen die Kräfte. Die linke Niere versagte, er magerte bis zur Unkenntlichkeit ab, am 1. August 1938 kam der erlösende Tod durch Entkräftung. Die Angehörigen wurden verständigt; sie sollten entscheiden, ob die Leiche oder nur die Asche des Verstorbenen nach Wien überführt werden solle. Die Witwe entschied sich für eine Überführung des Sarges. Das Begräbnis fand am Grinzinger Friedhof statt. Zeßner und der Schwiegersohn von Bundespräsident Miklas waren die einzigen der 10.000 Ermordeten, deren Särge aus dem KZ Dachau in die Heimat überführt werden konnten.

 

Franz Ferdinands Söhne im KZ

Fürst Maximilian von Hohenberg, der Sohn des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand, überlebte hingegen. 1938 wurden er und sein jüngerer Bruder Ernst (1904–1954), die sich für die Selbstständigkeit Österreichs und gegen den Anschluss an das Deutsche Reich ausgesprochen hatten, nach Dachau eingeliefert. Beide Brüder wurden absichtlich für das Reinigen der Latrinen eingesetzt. Der spätere Bundeskanzler Leopold Figl berichtete, dass die Brüder diese Erniedrigung mit heiterer Würde ertrugen und sich gegenüber den Mitgefangenen stets kameradschaftlich verhielten. Max Hohenberg wurde 1940 entlassen, während Ernst in das KZ Buchenwald verlegt wurde und erst 1943 heimkehren konnte. Nach seiner Entlassung wurde Maximilian auf Schloss Artstetten ein Zwangsaufenthaltsort zugewiesen. Zudem wurde der Besitz der Familie enteignet.

Nächsten Samstag:Rothschild in Haft.

 

 

 

Die Welt
bis gestern

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)

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