Holocaust: Haben wir fertig erinnert?

Eine Konferenz an der Akademie der Wissenschaften beschäftigte sich mit dem wachsenden Unbehagen mit der Erinnerungskultur zum Holocaust.

Holocaust
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Holocaust – (c) REUTERS (Peter Andrews)

Ende der 1980er-Jahre hat sich ein neues Wort im deutschen Sprachraum etabliert: die „Erinnerungskultur“. Diese Wortneuschöpfung – als späte Antwort auf das Jahrhundertverbrechen des Holocaust – war aber nicht nur ein neuer Begriff, der rasch aus der Wissenschaft in Politikeransprachen und in die Alltagssprache übersprang. Er stand auch für eine völlig neue Geisteshaltung: „Früher war Erinnerung auf das eigene Heldentum und das eigene Leiden beschränkt. Das Neue ist, dass man sich auch an die Opfer der eigenen Politik bei den anderen erinnert“, sagte Aleida Assmann diese Woche bei der Konferenz „Gedächtnis im Übergang“ an der Akademie der Wissenschaften.

„Lange galt das Schweigen über die Opfer unserer Schuld als die beste Option, die Übernahme der Opferperspektive durch die Täter oder Sieger ist ein absolutes Novum in der Geschichte“, so die Literaturwissenschaftlerin, die an der Uni Konstanz forscht. Assmann war am Siegeszug der Erinnerungskultur maßgeblich beteiligt: Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, hat sie vor 25 Jahren die Begriffe „kulturelles Gedächtnis“ bzw. „Erinnerung“ geprägt.


Neuer Leitbegriff. In den vergangenen drei Jahrzehnten sei die Erinnerungskultur an den Holocaust „mit großer Energie, finanziellem Aufwand und bürgerlichem Engagement“ aufgebaut worden. „Sie ist durch die Medien selbstverständlich in unseren Alltag eingelassen, vor der Haustür in Gestalt von Stolpersteinen präsent und sichtbar in Monumenten.“ Die Erinnerungskultur habe ältere Leitbegriffe wie Schlussstrich, Vergangenheitsbewältigung oder Wiedergutmachung ersetzt.

Doch in den vergangenen paar Jahren ist etwas geschehen: „Nach dieser Phase des Aufbaus steht die Erinnerungskultur auf dem Prüfstand“, so Assmann. Es gebe ein wachsendes Unbehagen mit ihr: Viele Zeitgenossen (und zwar nicht nur im rechten politischen Flügel) schlagen nun vor, das Vergangenheitskapitel als abgehakt zu betrachten und die „Erinnerungskultur zu entrümpeln“, weil man ja ohnehin aus der Geschichte gelernt habe; man sollte nun zu neuen Aufgaben übergehen und die Zukunft gestalten.

Offenkundig ist diese Entwicklung in Deutschland, wo im „Groß-Feuilleton“ und in Bestsellern für ein Vergessen des Erinnerns, plädiert wird. Aber auch in Österreich sei diese Geisteshaltung schon „subkutan“ spürbar, analysiert Heidemarie Uhl, Zeithistorikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, die die Konferenz gemeinsam mit Assmann organisiert hat.


Überdruss und Generationswechsel. Was sind die Gründe für diesen Umschwung? Es gibt ein ganzes Bündel möglicher Antworten – die Assmann im Detail auch in ihrem jüngsten Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ analysiert. So gibt es wohl einen gewissen Überdruss: Wenn das Wissen über den Holocaust überall präsent und in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dann brauche man keine Erinnerungskultur mehr zu inszenieren, argumentieren manche. Die Wiederholung dessen, was man bereits weiß, könne nur Überdruss und Abwehr hervorrufen.

Diese Sichtweise hängt in Assmanns Augen mit einem „doppelten Generationswechsel“ zusammen: Zum einen liege bald die „kurze Ära der Zeitzeugen“ hinter uns. Zum anderen befänden wir uns am „Ende der Deutungsmacht der 68er-Generation“, die die treibende Kraft hinter der Erinnerungskultur war und ist. „Der aktuelle Diskurs des Unbehagens ist ein klares Zeichen dafür, dass die nachwachsenden Generationen vermehrt ihre Deutungsmacht wahrnehmen.“ Hinter der Kritik steht somit der Wunsch der Post-68er nach einer Selbstbefreiung von der (moralisierenden) Vormundschaft der 68er-Generation – von deren „ausgestrecktem Zeigefinger“, wie Michael Rössner, Direktor des ÖAW-Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, anmerkte.


Nationales Gedächtnis. Ein weiterer Faktor ist die Aufweichung von nationalen Zugehörigkeiten – durch die digitale Welt, die kaum noch Grenzen kennt, durch die Migration und die zunehmende Ausbildung von Einwanderungsgesellschaften, aber auch durch die europäische Integration (die immerhin „aus Todfeinden Partner gemacht“ habe, so Assmann).

Was folgt aus alledem? Ist es vielleicht wirklich an der Zeit, das Erinnern zu vergessen und die Zeitgeschichte den Historikern zu überlassen? Oder kurz gesagt: Haben wir fertig erinnert? Für Assmann ist die Antwort klar: „In der Nachwirkung traumatischer Gewaltgeschichte löst die Zeit allein keine Probleme.“ Und: „Solange diejenigen, denen Gewalt angetan wurde, diese Ereignisse nicht vergessen, sondern sie zu einem Teil ihres nationalen Gedächtnisses gemacht haben, kann das Leid nicht durch einseitiges Vergessen aus der Welt geschafft werden.“ Die Erinnerungskultur müsse aber für die nächste Generation – und von ihr – neu gestaltet werden.

Erinnern sei ein dynamischer Prozess, aber sicher eine „anthropologische Universalie“ – was man auch daran sehe, dass z.B. in Nordamerika ein Bewusstsein für die Gräuel der Kolonialisierung entstehe. In Kanada etwa werde derzeit eine historische Kommission eingesetzt, die sich mit dem Unrecht an den Ureinwohnern beschäftigt. Weltweit gebe es aktuell an die 30 „Wahrheitskommissionen“ zur Aufarbeitung traumatischer Ereignisse. „Das ist kein rein deutsches und österreichisches Thema“, so Assmann.

Erinnerung

Aleida Assmann lehrt Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie ist verheiratet mit dem Ägyptologen
Jan Assmann. Eben sind zwei neue Bücher von ihr erschienen:

Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. (231 S., 17,50 Euro, C. H. Beck)

Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. (336 Seiten 23,60 Euro, Hanser)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2013)

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