Wie sich der Playboy zum Raubtier wandelte

Das heutige Bild des Privatmannes John F. Kennedy ist durch seine vielen außerehelichen Affären stark getrübt, während seine Frau Jackie angesehener ist denn je. Das spiegelt die soziale Revolution in der US-Gesellschaft wider.

Der 50. Jahrestag des Attentats auf John F. Kennedy am morgigen Freitag bietet Gelegenheit, die Bewusstseinsveränderungen innerhalb der Vereinigten Staaten im letzten halben Jahrhundert seit seinem Tod zu betrachten. Obwohl bereits in das Pantheon amerikanischer Helden aufgenommen, zeigen jüngste Daten, dass die Bewunderung für Kennedy als Führungsfigur insbesondere bei Frauen nachgelassen hat. Warum?

In gewisser Weise war Kennedys Vermächtnis gegenüber Frauen ebenso fortschrittlich wie sein Vermächtnis bei der Bekämpfung der Rassendiskriminierung und der Armut. Ein wahrhaft visionärer Schritt war es, die bekennende Feministin Eleanor Roosevelt, Witwe des legendären US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, als erste Vorsitzende der Kommission des Präsidenten zur Stellung der Frauen zu berufen.

 

„Das Problem ohne Namen“

Diese Frauenkommission, der sowohl männliche als auch weibliche Führungspersonen aus der Politik angehörten, war keine reine Kosmetik, sondern der ernsthafte Versuch einer Bewertung, mit welchen Vorurteilen Frauen am Arbeitsplatz konfrontiert waren, welche gesetzlichen Schutzbestimmungen es für sie geben sollte und was getan werden könnte, um die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu beenden – ein Konzept, für das man damals noch nicht einmal über das entsprechende Vokabular verfügte.

Als Kennedy diese Frauenkommission einberief, konnten Frauen in den Vereinigten Staaten tatsächlich noch als Geschworene ausgeschlossen werden. Sie hatten keinen Zugang zu oralen Verhütungsmitteln, Abtreibung war verboten und sie konnten nicht einmal in eigenem Namen einen Kredit aufnehmen.

Im gleichen Jahr als Kennedy getötet wurde, veröffentliche Betty Friedan ihr Buch „Der Weiblichkeitswahn“ und entfachte damit eine hitzige Debatte über „das Problem ohne Namen“ – die Unzufriedenheit der Frauen mit ihren eingeschränkten Rollen.

Der noch vor dem Attentat auf Kennedy veröffentlichte Bericht der Frauenkommission hätte einen Wendepunkt darstellen können, hätte der Präsident nicht bei dem Attentat am 22. November 1963 im texanischen Dallas sein Leben lassen müssen.

Doch trotz seiner fortschrittlichen Haltung blieb Kennedys Ruf von der allgemeinen Neubewertung der 1960er-Jahre durch die amerikanischen Frauen nicht unberührt. Einst Symbol des Heldentums, des persönlichen Charmes und des Strebens nach Überwindung lange bestehender Ungerechtigkeiten, wurde Kennedys Reputation schließlich durch Geschichten und Berichte über die zahlreichen Frauen in den Schlafzimmern des Weißen Hauses (oder in Hotelzimmern, wenn der Präsident gerade irgendwo auf Reisen war) schwer beschädigt.

 

JFK und die Praktikantin

Tatsächlich haben die Memoiren mancher dieser Frauen Kennedys Nimbus angekratzt, wenn nicht gar zerstört – wie etwa die Erinnerungen von Mimi Alfor, einer Praktikantin im Pressebüro des Weißen Hauses, die gerade 19 Jahre alt war, als sie ihre 18 Monate währende Beziehung mit dem Präsidenten begann.

Die gleiche Wirkung hatten auch die Schilderungen seiner Affären mit den Schauspielerinnen Marilyn Monroe und Marlene Dietrich. Andere Frauen, wie etwa Kennedys selbst ernannte Geliebte Judith Campbell, sollen auch sexuelle Beziehungen mit Angehörigen der Mafia gehabt haben.

 

Die neue Sicht auf damals

Die Anspruchshaltung, auf die sich das unverantwortliche Verhalten der Männer stützte, hat sich seither abgeschwächt – und dieser Prozess findet wie so vieles in der amerikanischen Kultur seinen Niederschlag im Fernsehen. Beliebte Serien wie „Good Wife“ zeigen den Schmerz und das Leiden der Ehepartnerinnen von Politikern, von denen man erwartet, angesichts der Doppelmoral nicht den Mut zu verlieren und damenhaft Haltung zu bewahren.

In ähnlicher Weise wird auch in Serien wie „Mad Men“, in denen flotte Werbemanager Frauen wie Mittagscocktails konsumieren, die Leere und Destruktivität der sexuellen Vorrechte der Männer in den frühen 1960er-Jahren ausgelotet.

Diese Neubewertung sexueller Privilegien und des unverantwortlichen Handelns der Männer in den 1960er-Jahren fand auch in anderen Bereichen statt – und verstärkte den Imagewandel von John F. Kennedy von einem charmanten Playboy zum gefährlich triebhaften Raubtier. In den Vereinigten Staaten ist gerade die autorisierte Biografie des Schriftstellers Norman Mailer erschienen – der einst, als der Feminismus zu reüssieren begann, den berüchtigten Ausspruch tätigte, dass „alle Frauen in Käfige gesperrt“ werden sollten. Mailers pausenlose Frauengeschichten (er war auch sechs Mal verheiratet) wird man ebenfalls einer ernsthaften kritischen Neubewertung unterziehen.

Der aufschlussreichste Aspekt in der neuen Sicht auf das damalige Geschehen ist möglicherweise, dass das Ansehen von Kennedys Ehefrau inzwischen noch gestiegen ist, während seine Ausstrahlung auf Frauen verblasst.

Jacqueline Kennedys würdevolles und bedeutsames letztes Jahrzehnt als versierte Buchherausgeberin und als Symbol einer arbeitenden, ja sogar feministischen Frau, hat ihr früheres Image als puppenhafte Dame des Hauses, die vor laufenden Fernsehkameras das Weiße Haus vorstellte oder später als Archetypus einer schockierten, trauernden Witwe hinter einem schwarzen Schleier verdrängt.

Jacqueline Kennedys im März 1964 bewusst für die Nachwelt aufgezeichneten und im Jahr 2011 veröffentlichten Gespräche mit dem Historiker Arthur Schlesinger tragen noch zusätzlich zu ihrer posthumen Geltung bei.

 

Ein Wandel hin zum Guten

Ihr steigendes Ansehen und das zunehmend getrübte Bild John F. Kennedys – zumindest hinsichtlich seines Privatlebens und der Art, wie er seine persönliche Anziehungskraft nützte – spiegeln die soziale Revolution in der amerikanischen Gesellschaft wider. Die Veränderungen in der amerikanischen Wahrnehmung von Symbolen wie den Kennedys unterstreichen diesen Wandel – zum Guten, würde ich sagen – der eigenen Bedürfnisse, Werte und Wünsche hinsichtlich der Beziehung zwischen den Geschlechtern.

Die Schaffung der Frauenkommission durch JFK deutet darauf hin, dass er über ein Gespür für Kommendes verfügte – auch wenn er zutiefst ein Mann seiner Zeit blieb.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 

Copyright: Project Syndicate, 2013.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN




Naomi Wolf
(* 1962 in San Francisco) studierte englische Literatur an der Yale University und war Rhodes-Stipendiatin an der Oxford University. Sie ist Schriftstellerin, politische Aktivistin und gilt als führende Vertreterin der sogenannten „dritten Welle des Feminismus“. Auf Deutsch ist zuletzt von ihr erschienen: „Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit“ (Rowohlt). [ Project Syndicate]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2013)

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