"Ein Spiel, das wir nicht gewinnen konnten"

Vor 20 Jahren gewann Österreich in der WM-Qualifikation das entscheidende Duell mit der DDR dank Toni Polster mit 3:0. Der damalige Zeugwart der DDR, Fritz Wutke, erinnert sich an die verrückten Tage nach dem Mauerfall.

(c) AP

Fritz Wutke sitzt in seinem Büro des Berliner Fußballverbandes und blättert in alten Programmheften. „Da hab ich's ja, bei mir geht nichts verloren. Mein Gott, waren das Tage. So etwas vergisst man nicht, auch wenn's jetzt 20 Jahre her ist.“ Der 58-Jährige hält das kleine Heftchen in die Höhe: „Österreich gegen DDR, Mittwoch, 15. November 1989. Anpfiff 18 Uhr.“

Fritz Wutke hat für die DDR 89 Länderspiele gemacht. Als Zeugwart. Er war Mädchen für alles. Klagemauer, Fußabstreifer, Vertrauensperson. Gewisse Dinge trägt man im Sport eben nicht aus der Kabine. „Bei uns haben mich die Teamchefs als Hans Dampf in allen Gassen bezeichnet.“ Bei uns, das war Ostdeutschland. Und der Arbeiter- und Bauernstaat befand sich im Aufbruch. Ausgerechnet vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Wien für die Endrunde in Italien.

„Wir hätten nur ein Unentschieden gebraucht, alle wollten nach Italien“, erinnert sich Wutke. Die Siegesprämie in der Höhe von 4000 DDR-Mark war nebensächlich. „Alles habe ich in den Kisten mitgehabt, vom Sekt bis zum Champagner. Geworden ist nix draus, weil wir keine ruhige Minute mehr gehabt haben. Mit dem 9. November hatten wir dieses Match eigentlich schon verloren. Unsere Jungs hatten nur noch die Bundesliga im Kopf. Was sich da Manager und Spielervermittler auf einmal gemeldet haben, das kann man sich gar nicht vorstellen.“

Am Tag, als die Grenzbalken aufgingen, war die DDR-Auswahl bereits kaserniert. „Wir waren wie so oft in Abtnaudorf in Leipzig“, erzählt Wutke, der aus Halle an der Saale kommt, sich längst eine Berliner Schnauze angeeignet hat. „Alle sind mit großen Augen vor den Fernsehapparaten gesessen, manche haben gar nicht kapiert, was da passiert. Die ganze Tragweite der Ereignisse war schwer zu begreifen. Und auf einmal haben sich alle nur gefragt: Wohin gehen wir nach diesem Länderspiel? Wie viel können wir verdienen?“

Eduard Geyer, der damalige DDR-Teamchef, versuchte, die Vorbereitung so wie immer zu gestalten. „Ist natürlich nicht gelungen. Wäre ja unter diesen Umständen auch ein Wunder gewesen.“ Geyer versuchte krampfhaft, den Eisernen Vorhang um diese Mannschaft noch einmal aufzubauen. Nur für dieses eine Spiel. Die Spieler sollten an die Weltmeisterschaft denken, nicht an die Freiheit.


DDR-Team verschanzte sich. In Österreich angekommen, verschanzte sich das Team in der Abgeschiedenheit von Lindabrunn. Aber auch dort waren die Zäune längst löchrig geworden. Ein blutjunger Sportreporter namens Wolfgang Wiederstein schmuggelte sich damals hinter dem Briefträger in die abgeriegelte Sportanlagen, um Exklusivgeschichten über die DDR-Spieler zu ergattern. Die isolierten Fußballer waren längst gefesselt von dem, was rundherum geschah. „Dabei waren alle fest entschlossen, die Österreicher zu schlagen“, erinnert sich Wutke. „Alle wollten zur Weltmeisterschaft. Und wir hatten ein tolles Team!“

Der Deutsche Fußballverband (DFV) lockerte erstmals die Zügel, lud sogar die Spielerfrauen ein nach Wien. „Erstmals waren wir in einem Auswärtsspiel nicht alleine.“ Tausende Fans rollten mit Zügen an, nützten die neue Reisefreiheit. „Selbst meine Frau Gisela ist gekommen, hat sich damals extra einen neuen Pass machen lassen“, erzählt der Zeugwart. „Das Rundherum hat schon viel Spaß gemacht.“

Das Spiel selbst „war eine Katastrophe“. Auf den Schiedsrichter wollten sich die DDR-Nationalspieler nicht ausreden. „Das war doch dieser Pole – Piotr Werner“, grübelt Wutke. „Lassen wir dieses Thema, alles Geschichte.“ Toni Polster erzielte an diesem Abend alle drei Tore, Rot-Weiß-Rot war bei der WM, Italia 90 durfte kommen.

Die DDR verspielte die Chance, sich ein zweites Mal nach 1974 für die Endrunde zu qualifizieren. „In Italien hätten sich die Spieler noch besser präsentieren können“, meint Wutke. „Und sich mit den Transfers mehr Zeit lassen können.“ Rico Steinmann, der im Prater einen Elfmeter verschoss, stellte später Wutke die Frage: „Hätte ich den reingemacht, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?“

„Die Spieler waren kreidebleich.“DDR-Zeugwart Wutke, eigentlich Schlosser von Beruf, war beim Schlusspfiff längst in der Kabine. „Die Spieler waren kreidebleich, als sie hereinkamen. So nah an der WM waren wir gewesen, auf einmal war alles verspielt. Dabei hatten wir zuvor in Island gewonnen, in Chemnitz die Russen weggehaut.“

„Aber da in Wien, da wurde gefummelt“, glaubt Wutke. Da sei einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen. Der Schiedsrichter womöglich bestochen gewesen... „Komisch. Mit der WM-Teilnahme wäre manches anders gekommen. So aber wurden die besten Spieler von heute auf morgen verkauft. Vielen wurde zu wenig Zeit gegeben.“

Der frühere DDR-Zeugwart blickt nicht im Zorn zurück. „Wir waren halt immer nur die Weltmeister der Freundschaftsspiele“, sagt er und erinnert in diesem Zusammenhang an ein Match im Maracanã-Stadion. „0:3 waren wir gegen Brasilien hinten – und haben noch mit viel Dusel 3:3 gespielt.“

Im Wiener Prater aber gab es kein sportliches Wunder. „Ein Hexenkessel war das, fantastisch. Und dieser Polster, der war schon ein Teufelskerl. Wir waren selber schuld: Wer kein Tor schießt, der gewinnt eben nichts.“

20 Jahre später kramt Fritz Wutke ein Erinnerungsstück hervor: ein Trikot der Österreicher. „Das ist vom Anton Pfeffer.“ Leibchen hat der Zeugwart Dutzende daheim, auch Matchwimpel und andere Fußballsouvenirs. „Lauter kleine Schätze.“ Alles fein säuberlich in Kisten verpackt. „Heute will niemand mehr etwas wissen davon“, merkt der 58-Jährige wehmütig an. Ein DDR-Fußball-Museum gibt es nicht. „Ein Legendenspiel DDR gegen Österreich 20 Jahre danach wäre auch nett gewesen.“

Für Wutke, der heute noch als Schiedsrichter bei den Senioren aktiv ist, war nach 89 Länderspielen Schluss. Beim allerletzten Spiel der DDR im September 1990 gegen Belgien rückten nur mehr zwölf Spieler ein. Matthias Sammer, schon bei Stuttgart unter Vertrag, konnte im letzten Moment überredet werden. Er schoss prompt beide Tore zum 2:0. „Nach dem Schlusspfiff wurde alles verschenkt“, weiß Wutke, dem in seiner Trikotsammlung nur eines fehlt: „Von der DDR habe ich mir kein Leiberl aufgehoben.“

Der ehemalige Zeugwart schwelgt nicht in Nostalgie. Er erinnert sich auch an schmerzstillende Injektionen vor wichtigen Spielen. Und an Besuche von hohen ZK-Mitgliedern in der Kabine. „Honecker war nie da.“ Dafür war der Geheimdienst immer dabei. „Mein Telefon war angezapft, die haben alles von mir gewusst. Der Fritz Wutke war ja eine Vertrauensperson.“ Einen Blick in seine Stasi-Akte hat er nie geworfen, „weil da nur Schrott drinnenstehen kann.“ Vielleicht steht darin auch, dass er den Spielern oft neue Schuhe, Hosen und Hemden unter der Hand besorgt hat. „Ausgerüstet waren wir immer wie die Weltmeister.“

Nach Wien hat es Fritz Wutke mit seiner Frau noch einmal verschlagen. „Österreich gegen Deutschland, Happel-Stadion, Juni 2008. Da hat mir der Michael Ballack fast den Kopf weggeschossen.“ Auch ein Superstar, der im ehemaligen Osten aufgewachsen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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