Väterkarenz: „Verlassen der Komfortzone“

Karenz wird nach wie vor als Frauensache wahrgenommen. Dabei bietet das Gesetz auch den Vätern die Chance, ihre Arbeit für eine begrenzte Zeit zugunsten der Familie zurückzustellen. Zwei Geschäftsführer eines Unternehmens, die diesen Weg gingen, berichten über ihre Erfahrungen.

ePunkt

„Ich bin jetzt 42 Jahre alt und arbeite, seit ich 18 bin. Ich war nie länger auf Urlaub und hatte nie die Chance, mich länger von der Arbeit zu distanzieren.“ Sam Zibuschka befindet sich gerade in Karenz. Er schätzt es, in der gemeinsamen Zeit mit seinem Sohn persönlich zu reifen. Außerdem hat er erstmals in diesem Ausmaß die Chance, seinen Kopf frei zu bekommen und neue Ideen zu entwickeln.

Die Elternkarenz ermöglicht es, sich zum Zweck der Kinderbetreuung für eine bestimmte Zeit von seiner Arbeit beurlauben zu lassen (siehe Factbox). Nach der Einführung der Väterkarenz im Jahr 1990 kann sie von beiden Elternteilen in Anspruch genommen werden. Letzteres scheint aber noch kaum in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Die beiden Geschäftsführer der Personalberatung „ePunkt“ haben sich dafür entschieden, das Wagnis auf sich zu nehmen. Daniel Marwan (35), seit 2000 Geschäftsführer bei „ePunkt“, war bereits zweimal in Karenz. Das erste Mal nahm er die gesetzliche Karenz in Anspruch, das zweite Mal nahm er sich informell als Unternehmer frei. Zibuschka (42), seit 2007 Geschäftsführer im gleichen Unternehmen, befindet sich gerade auf halber Strecke seiner zweimonatigen Karenzzeit.

Schwierigkeit, von der Arbeit loszulassen


Übereinstimmend berichten die beiden über die Schwierigkeit im Vorfeld, von ihrer Arbeit loslassen zu können und Verantwortung zu übergeben. So war die größte Problematik, sich auf die Zeit vorzubereiten, die man nicht im Unternehmen tätig sein kann, auch „weil man häufig glaubt, man sei selbst unentbehrlich“, so Marwan. Dann sei es aber beruhigend zu sehen, dass man gut ersetzbar ist.

Die Reaktionen aus dem Umfeld waren überwiegend positiv. Zibuschka bemerkte allerdings teilweise ein Unverständnis von anderen Managern, die glauben, niemand sonst könnte ihre Arbeit übernehmen: „man wird eher milde belächelt, weil es den Anschein hat, die eigene Tätigkeit wäre nicht so wichtig“.

Die Karenzzeit selbst ist fordernd und auch anstrengend, bringt aber den Vorteil mit sich, dass man wirklich abschalten kann, was die Arbeit betrifft. Laut Marwan ist man „in der Arbeit in seiner Rolle oft so verhaftet, dass man über die Mühen des Tagesgeschäfts in einen Trott verfällt und Dinge nur mehr abarbeitet.“ Wenn man dagegen Abstand gewinnt, können unternehmerische Entscheidungen aus einer gewissen Distanz betrachtet werden, was für Marwan zu einer sehr wertvollen „Neuordnung von Prioritäten“ Anlass gibt. Beide Karenzierte betonen, dass abseits des familiären und emotionalen Aspekts gerade auch diese analytische Komponente eine große Bereicherung war.

Schließlich gehört die „Zeit, die man mit seinen Kindern in dieser Qualität verbringt“, für Marwan einfach zum Vatersein dazu. Außerdem sei es interessant, auf einmal in einem ganz anderen Bereich gefordert zu sein und Herausforderungen und Erfolgserlebnisse auch abseits des Berufs zu haben. Außerdem, so Zibuschka, ist es „eine riesen Chance, über sich selbst viel zu erfahren, vor allem über seine Schwächen.“

In Österreich bis jetzt kaum Männer in Karenz


Nur wenige Väter in Österreich nutzen allerdings die Chance, solche Erfahrungen zu machen. Laut Daten des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend von Juli 2012 sind unter allen Empfängern des Kinderbetreuungsgeldes nur knapp fünf Prozent männlich. In Schweden hingegen gehen rund 22 Prozent der Väter in Karenz. Auch in Österreich wäre laut einer Studie im Auftrag von Land und Wirtschaftskammer Niederösterreich die Bereitschaft der Männer, in Karenz zu gehen, eigentlich viel größer.

Als größtes Manko beim organisatorischen Aspekt der Karenz bezeichnet Zibuschka die finanziellen Voraussetzungen, „weil viele sich das nicht leisten können, dass das Gehalt wegfällt.“ Marwan hingegen betont, es sei vor allem eine Frage der Prioritäten: „wenn man es wirklich will, kann man es auch möglich machen“. Vom persönlichen Aspekt ist die Rollenaufteilung in der Familie für Zibuschka ein wichtiger Faktor. So müssen sich die Eltern „als gleichwertige Partner mit Rechten und Pflichten, auch in der Kindererziehung“ anerkennen.

Schließlich wollen die beiden Geschäftsführer Work-Life-Balance nicht nur innerhalb ihres Unternehmens vorleben. So richtet Zibuschka auch einen Appell an alle Männer und Frauen: „Macht das, es ist super spannend, raus aus der Komfortzone!“

ePunkt

Sam Zibuschka (li) und Daniel Marwan (re)

Auf einen Blick

Die Elternkarenz kann nach dem Ende der Mutterschutzfrist bis zum zweiten Geburtstag des Kindes von Vätern und Müttern in Anspruch genommen werden. Sie ist arbeitsrechtlich durch Kündigungs- und Entlassungsschutz abgesichert.
Anspruch haben Dienstnehmer, Heimarbeiter, Beamte und Vertragsbedienstete des Bundes und der Länder, nicht jedoch freie Dienstnehmer. Die Eltern müssen mit dem Kind im gemeinsamen Haushalt leben.
Während der Elternkarenz erhält man kein Gehalt, hat aber Anspruch auf Kinderbetreuungsgeld. Dabei kann zwischen einem einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeld und vier Pauschalmodellen gewählt werden.

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