Frau, Migrantin, Gründerin

Interview. Jasmin Taylor gründete den auf den arabischen Raum spezialisierten Reiseveranstalter JT Touristik. Dabei machten ihr die deutschen Geschäftspartner mehr zu schaffen als die arabischen.

Selbstbewusst, aber kein großes Ego: JT-Chefin Jasmin Taylor.
Selbstbewusst, aber kein großes Ego: JT-Chefin Jasmin Taylor.
Selbstbewusst, aber kein großes Ego: JT-Chefin Jasmin Taylor. – (c) Katharina Schiffl

Die Presse: Sie sind 1984 aus dem Iran nach Deutschland gekommen, als Teenager. Das war während des Iran-Irak-Kriegs.

Jasmin Taylor: Im Iran wurde damals das Erwachsenenalter auf 14 Jahre gesenkt. So konnte man die Kinder in den Krieg schicken. Deutschland ließ solche Jugendliche ohne Visum einreisen. Meine Eltern waren nicht froh, dass ich wegging, aber sie sagten: „Es ist besser, das Kind ist weit weg in Deutschland, als es stirbt.“

Sie konnten kein Wort Deutsch . . .

Ich konnte gut Englisch. Deutsch musste ich erst lernen, ganz schnell. Ich habe in einem Fünfsternehotel in Bonn die einzigen Jobs gemacht, die man auch ohne Sprache machen kann: Zimmer putzen und den Nachtportier. Währenddessen konnte ich Hausaufgaben schreiben. Damals habe ich mir oft vorgestellt, wie es wäre, Gast zu sein.

Sie haben Abitur gemacht und in den USA studiert. Wann wussten Sie, dass Sie gründen wollen?

Relativ früh. Ich war in den USA verheiratet, bin nach Deutschland zurück und wollte meinen Doktor machen. Daraus ist nichts geworden, weil ich mich gleichzeitig selbstständig gemacht habe. Ich wollte etwas mit Reisen machen, weil ich selbst so gern reise. 2002 habe ich eine Online-Reiseplattform mit Schwerpunkt auf den Vereinigten Arabischen Emirate gegründet, 2009 den Reiseveranstalter JT Touristik.

Alles konsequent in Ihrer Markenfarbe Pink, also für die weibliche Zielgruppe.

Frauen entscheiden, wohin der Urlaub geht. Der Mann bezahlt vielleicht, aber er riskiert nicht, zwei Wochen neben einer schlecht gelaunten Frau am Strand zu liegen.

Wo war es schwieriger, sich Respekt zu verschaffen: bei Ihren Geschäftspartnern im Nahen Osten oder in Deutschland?

In Deutschland. Ich war Vorsitzende in einem Ausschuss, als einzige Frau unter 22 Männern. Anfangs ließen sie mich keinen Satz zu Ende reden. Bis ich auf den Tisch gehauen habe: „Es ist mir egal, wie ihr daheim mit euren Frauen umgeht, aber hier bin ich Vorsitzende, und ich will ausreden.“ In den arabischen Ländern ist mir nie Vergleichbares passiert. Oder bei einer Fachdiskussion, da kam eine Anfrage über Twitter: „Wer ist der Investor hinter JT Touristik?“ Einem Mann hätte man diese Frage nie gestellt. Aber einer Frau und Migrantin traut man nicht zu, dass sie das allein stemmt. Ich habe gesagt: „Ich bin die einzige Gesellschafterin, und wenn ich sage, es gibt niemanden hinter mir, dann gibt es niemanden.“

Es heißt oft, Frauen sollten nach den Regeln der Männer spielen.

Das ist Quatsch. Das war vielleicht früher so. Da hat sich viel zugunsten der Frauen geändert, sie können heute sein, wie sie sind. Anziehen, was ihnen gefällt, bunte Farben tragen. Die Generationen davor hatten es schwerer, das merkt man an ihrer Verbitterung. Leider.

Was tun Sie, wenn sich Ihnen ein Hindernis in den Weg stellt?

Ich prüfe viel, achte auf die Details. Ich stelle Out-of-the-box-Fragen, probiere verschiedene Wege. Da bin ich anders, als Männer es sind. Ich kämpfe, und ich bin geduldig. Ich bin selbstbewusst, aber ich habe kein großes Ego.

Wie kommen Sie denn mit Geschäftspartnern aus, die ein großes Ego haben?

Alphamänner mögen mich nicht. Aber sie wollen mit mir Geschäfte machen, also müssen sie nett sein.

Am Mittwoch haben Sie am Women Leadership Forum über „female leaders in the digital age“ diskutiert. Sind Frauen im digitalen Zeitalter im Vorteil?

Es war nie besser als jetzt. Frauen ist immer gesagt worden, sie können nicht netzwerken, weil sie nach der Arbeit nicht mit den Männern auf ein Bier mitgehen. Frauen haben immer Wichtigeres zu tun. Die Digitalisierung ermöglicht es uns nun auch, uns zu vernetzen.

Wie ist das mit der weiblichen Scheu vor technischen Themen?

Wir müssen ja nicht selbst programmieren. Wir müssen nur wissen, was wir wollen und es formulieren. Als ich begonnen habe, hat es auch noch kein System gegeben, das meinen Anforderungen gerecht wurde. Ich habe es gemeinsam mit einem Wegbegleiter entwickelt und den Programmierern gesagt, was sie tun sollen. Wir müssen es nur bedienen können – und so gestalten, dass es hübsch aussieht.

 

Zur Person

Jasmin Taylor (50) ist Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Reiseveranstalters JT Touristik mit aktuell 65 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 175 Millionen Euro (2015). Sie hält einen Bachelor in Psychologie und Management der University of Maryland sowie einen Master in Human Relations der Universität von Oklahoma. 1984 verließ sie wegen des Iran-Irak-Kriegs mit 17 Jahren den Iran. Taylor war im Rahmen des Women Leaderhip Forums powered by „Die Presse“ in Wien zu Gast.


[MRP95]

(Print-Ausgabe, 17.09.2016)

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