„Es gibt nicht nur einen Traumberuf“

Porträt. Mit seinen Job-Speeddatings will Bernhard Ehrlich im Rahmen von „10.000 Chancen“ Menschen die Chance geben, im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – Arbeitswille vorausgesetzt.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wenn Bernhard Ehrlich zu erzählen beginnt, ist er kaum zu stoppen. Vor allem, wenn er über das Projekt spricht, das ihn beinahe rund um die Uhr beschäftigt: „10.000 Chancen“ heißt die Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ebenso vielen Menschen, die keine Best-Performer sind, einen ersten Weg in den Arbeitsmarkt zu eröffnen.
Ursprünglich waren es Flüchtlinge, denen er zu einer Lehrstelle verhelfen wollte. Anfang 2016 war das. Heute fasst er Integration weiter und lädt auch Jugendliche, die nicht als Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind, Menschen mit Behinderung und ältere Menschen ein. Vorausgesetzt, sie haben sich zuvor einem Casting gestellt, beherrschen Deutsch auf B1-Niveau, bringen die schulischen Voraussetzungen mit, haben sich einem Training unterzogen, das „10.000 Chancen“ kostenlos anbietet, und haben ihre Bewerbungsunterlagen geordnet. Und noch etwas: „Sie müssen arbeitswillig sein“, sagt Ehrlich.

Ehrlich spricht nicht nur schnell, schnell ist er auch in der Umsetzung seiner Ideen. So überrascht es nicht, dass er ein Job-Speeddating-Event erfunden hat, das diese Woche zum dritten Mal stattgefunden hat. In Wien trafen 400 Jobsuchende auf 120 Recruiter aus 30 Unternehmen, die mehr als 2000 offene Lehrstellen im Gepäck hatten. Bis zu 15 Bewerbungsgespräche führten die Jobsuchenden an diesem Tag. Mit Unternehmen unterschiedlicher Branchen. „Denn“, sagt Ehrlich, „es gibt nicht nur einen Traumberuf.“

Vergangenen Montag aber gab die Initiative ihre Abschiedsvorstellung in Wien. Das hat unter anderem mit der Haltung der öffentlichen Hand zu tun, die, wie er sagt, seinen Verein nicht finanziell fördert. Und das, obwohl er die gesellschaftliche Aufgabe wahrnehme, Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren und ihnen ein Leben als Mindestsicherungsbezieher zu ersparen. Deswegen und, weil ihn Unternehmen dort auch ganz anders unterstützen würden, übersiedelt Ehrlich künftig seine Aktivitäten nach Berlin. In Deutschland, lässt er anklingen, gebe es eben eine andere Willkommenskultur – auch für „10.000 Chancen“. Politik und Wirtschaft hätten ihm schon jetzt konkrete Zusagen gegeben, obwohl das erste Event erst im Herbst 2018 in Berlin stattfinden wird.

Glück gehört dazu

Auch für ihn scheint es mehr als nur einen Traumberuf zu geben. Für „10.000 Chancen“ gab Ehrlich einen vergleichsweise komfortablen Job als Geschäftsführer in der Medienbranche auf. Schon davor waren es mehrfach ungewöhnliche Idee gewesen, die er verfolgt und die ihm neue Jobs eingebracht hatten. Etwa, als er die Jungunternehmermesse ins Leben rief. Er sei es gewohnt, viel zu leisten und auch schnell etwas zu erreichen. „Man muss wissen, was man tut, aber man braucht auch Glück dazu“, relativiert er. Diesmal sei es ein bisschen anders: „10.000 Chancen“ sei eines seiner arbeitsintensivsten Projekte, noch dazu eines, in das er sein eigenes Geld investiere. Aber er glaube an den Nutzen und „manchmal weiß man nicht, wofür es gut ist“.
Seine Teams, sagt Ehrlich, seien immer auf den Moment aufgebaut. Seine (ehrenamtlichen) Mitarbeiter müssen, so wie er, bereit sein, schnell Entscheidungen zu treffen. „Ich bin kein Freund von endlosen Besprechungen“, sagt Ehrlich. Und natürlich brauche es die Mismatcher, die Spezialisten für Abweichungen, die alles bis ins kleinste Detail zerlegen.

Erfolg immer ein Teamerfolg

Doch ehe er eine Idee präsentiere, habe er sie ohnehin schon im Kopf wieder und wieder durchgespielt. Und dann entscheide er auch aus dem Bauch heraus. So sei „10.000 Chancen“ entstanden. Er erwarte, dass Mitarbeiter loyal sind und hundertprozentig hinter ihm und der Idee stehen. „Sie müssen sich identifizieren können.“ Auch, weil er mehr verlange als die Norm. Doch er habe bislang immer „zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute angezogen“, sagt er. Daher sei der „Erfolg auch immer ein Teamerfolg“.

Zur Person

Bernhard Ehrlich (52) rief die Initiative „10.000 Chancen“ ins Leben, mit der er Menschen, die keine Best-Performer sind, den Weg zu einer Lehrstelle eröffnen will. Ehrlich absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann und heuerte 1988 bei der IDG Communications Publishing Group an. 1994 wechselte er zum Cash Flow Verlag und gründete 1995 eine eigenständige Medien- und Vermarktungsgruppe. Von 2011 bis 2015 war Ehrlich Geschäftsführer im Medianet Verlag.

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