„Chef muss sich angreifbar machen“

Porträt. Mit Rubble Master ist Gerald Hanisch seit 1991 im Recyclingmarkt unterwegs. Für ihn zählt die Einstellung der Mitarbeiter: Sie sollen ambitioniert, aber nicht überambitioniert sein.

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(c) Stanislav Jenis

Das Geld liegt auf der Straße – eine abgedroschene Phrase, die selten stimmt und bei Gerald Hanisch doch zutrifft. Er entwickelt seit 1991 mobile Geräte, mit denen Naturstein gebrochen und vor Ort Bauschutt und Baurestmassen recycelt werden können – und damit eben auch Asphalt, bevor neue Straßenbeläge aufgebracht werden.

Als er sein Unternehmen, Rubble Master, gegründet habe, habe sich Recycling gerade als Wachstumsmarkt zu etablieren begonnen, sagt der Oberösterreicher. Das Spezielle an seiner Idee: Die Maschinen sollten einfach zu bedienen, zu transportieren und leistbar sein. Mittlerweile wurden aus Linz-Pichling mehr als 2100 Compact Crusher ausgeliefert – 95 Prozent der Geräte werden exportiert. „Es freut mich, wenn die Idee auf anderen Kontinenten angenommen wird“, sagt Hanisch angesichts neuer Kunden in Nord-, Südamerika und Asien. Dabei war 1996 alles unklar: Das technische Konzept war nicht ausgereift genug, der Markt nicht bereit. „Wir mussten alle Ressourcen einsetzen, um das irgendwie durchzustehen“, sagt Hanisch. Heute sei das ein Teil des Gründungsmythos.
Die Konkurrenz sei aber stark, „wir müssen mit Kreativität dagegenhalten, mit Produkt, Dienstleistung und Kundennähe vorn sein“. Kreativität sei daher nicht nur eine Aufgabe der Führungskräfte, „wir wollen das von jedem unserer Mitarbeiter“. Rund 170 sind das derzeit weltweit.

Eine Frage der Einstellung

Daher lebt man bei Rubble Master das Prinzip „Recruit attitude, train skills“. Gesucht sei eine positive Einstellung zum Unternehmen und zur Leistung. Wichtig ist Hanisch, dass sich „Mitarbeiter als sinnvollen Teil des Unternehmens verstehen“. Daher kooperiert man schon seit zehn Jahren mit Schulen, FH und Unis, um „Leute einzustellen, die begeistert sind“. Manchmal stelle man Mitarbeiter eben genau wegen ihrer Einstellung und ihrer Zugänge ein und entwickle sie, ohne noch genau zu wissen, wo sie eingesetzt werden.
Entwickelt werden auch Lehrlinge mit einem speziellen Programm: Schon die ganz jungen Mitarbeiter betreuen eigene Projekte, und im zweiten Lehrjahr werden sie entsendet, um Internationalität auch direkt zu erleben.
Dem 58-Jährigen geht es darum, mit den Mitarbeitern „gute Ziele“ zu definieren, solche, die, nachvollziehbar, ambitioniert, aber nicht überambitioniert sind. „Es ist gut, wenn Mitarbeiter nach vorn drängen, aber gerade junge Leute wollen oft zu viel“, sagt Hanisch. Entsprechend ist ihm wichtig, Mitarbeiter in der Zielerfüllung zu begleiten – mit Erfahrung und guten Strukturen, um sie nicht zu überfordern.
„Man muss eine klare Linie finden.“ Denn Führung sei eine Frage der persönlichen Positionierung. Und: Die Standards, die man setze, müsse man auch selbst leben. „Führungskräfte müssen nachvollziehbare Aktionen setzen und diese erklären. Vor allem, wenn sie nicht für alle sofort nachvollziehbar sind.“ Und ganz wichtig: „Sie müssen Einwände zulassen. Chefs müssen sich bis zu einem gewissen Grad angreifbar machen, Entscheidungen zur Disposition stellen.“ Besonders dann, wenn es etwa um Markt- oder Produktänderungen geht. Denn man müsse als Führungskraft auch am Boden der Realität bleiben: 70 Prozent der Entscheidungen seien gut, 30 Prozent schlecht: „Lerne, damit zu leben und daraus zu lernen.“

Anders als Mick Jagger

Daher schätzt er sehr, wenn es Mentoren gibt, die Mitarbeiter wie Führungskräfte bestärken. Wobei sie nicht unbedingt im Unternehmen sein müssen. Für ihn selbst ist (zeitgenössische) Kunst so etwas wie ein Förderprogramm, denn Kunst bringe Euphorie, „sie ist Bereicherung abseits unseres Geschäfts und bringt neue Zugänge“.
Er selbst versuche, diese Erfahrungen mit seinen Mitarbeitern zu teilen, auch wenn Kunst nicht immer leicht zu konsumieren sei: „Sie ist eine Aufforderung zu neuem Denken.“ Schließlich wolle er nicht so sein wie Mick Jagger, der mit 74 Jahren die gleichen Lieder wie früher singe. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir so bleiben, wie wir waren.“ Übrigens: An Rolling-Stones-Songs habe er sich schon sattgehört. „Ich besuche lieber Festivals wie Wien modern.“

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