Georg Kapsch: „Mir geht es um die Bildung“

„Niemand kommt als Lernmuffel auf die Welt“, ist Konzernchef und IV-Präsident Georg Kapsch überzeugt. Er präsentiert Vorschläge zur Reformierung der Lehre.

Clemens Fabry

Die Presse: Wenn Sie könnten, wie Sie wollten: Was würden Sie bei der Lehrlingsausbildung ändern?

Georg Kapsch: Ich würde die Qualität der Berufsschulen verbessern. Sie näher an die Betriebe heranführen, die Interaktion verbessern. Das ist heute stark getrennt.

Sie könnten doch die Lehrer in die Betriebe einladen und ihnen zeigen, wie es in der Praxis läuft?

Die Praxis lernen die Lehrlinge ohnehin in den Betrieben. Mir geht es um die Bildung der jungen Menschen. Und das ist kein Migrantenthema, sondern ein grundsätzliches. Es beginnt nicht in der Berufsschule, sondern schon in der Pflichtschule.

Von was wünschen Sie sich, dass es ein junger Mensch kann, wenn er die Pflichtschule verlässt?

Er soll schreiben und sinnerfassend lesen können. Mathematik. Eine Fremdsprache, hauptsächlich Englisch. Er sollte Ethikunterricht gehabt haben und wirtschaftlichen Unterricht. An diesem hapert es meist. Und an der Allgemeinbildung. An Geografie, Physik, Geschichte, Chemie. Mir geht es um Bildung, um Wissensvermittlung. Das ist etwas anderes als Ausbildung. Bildung ist das Einzige, was einem niemand wegnehmen kann.

Ihre Liste klingt nach AHS. Sind die jungen Pflichtschüler auch interessiert und gewillt, sich diese Bildung anzueignen?

Niemand kommt als Lernmuffel auf die Welt. Kinder sind grundsätzlich wissbegierig. Wir müssen bei der Elementarpädagogik ansetzen: Warum verlernen sie diese Wissbegier? Die Systeme in Skandinavien oder Holland funktionieren besser als unsere. Und je nach Bildungspfad brauchen wir Durchlässigkeit bis nach dem Lehrabschluss oder der Matura. Zwischen Lehre und Matura gibt es diese Durchlässigkeit schon, aber das können wir noch steigern. Etwa, dass man mit einem Lehrabschluss auch an eine Fachhochschule gehen kann.

Sie sind ein Verfechter der gemeinsamen Schule.

Ja. Ich halte nichts von der Trennung mit zehn Jahren. Das ist zu früh. Das setzt die Schüler unter Druck, das setzt die Volksschullehrer unter Druck. Mit zehn Jahren über die berufliche Zukunft zu entscheiden ist zu früh.

Die Rolle der Eltern?

Man kann Bildung nicht nur an die Schule delegieren. Es ist ein Paradoxon: Auf der einen Seite delegiert die Schule das Lernen an die Eltern. Auf der anderen Seite delegieren die Eltern die Erziehung an die Schule. Beides funktioniert nicht, wir brauchen ein stärkeres Miteinander. Ich sage bewusst „Eltern“, weil das Thema tief hinein in die Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft geht. Wir leben in einer Zeit, in der wieder die Idee hochkommt, Frauen gehörten zurück an den Herd. Das kann es wohl nicht sein.

Wie würden Sie das verhindern?

Mehr Kindergärten, längere Öffnungszeiten, verbesserte Elementarpädagogik, eine verpflichtende Ganztagsschule. Keine Hortbetreuung, sondern normaler Unterricht auch am Nachmittag. Nur so kann man verschränkten Unterricht anbieten.

Noch einmal zurück zur Lehre. Was konkret wollen Sie?

Natürlich ist die Lehre keine Allgemeinbildende Höhere Schule. Ich plädiere trotzdem dafür, mehr allgemein bildende Fächer hineinzubringen. Unsere Zeit ist schnelllebig. Wir brauchen mehr Menschen, die sich flexibel anpassen können. Mit Bildung erhöhen wir diese Flexibilität, mehr als mit Ausbildung. Noch ein Gedanke: Gebildete Menschen sind demokratiebewusster als bildungsferne. Wenn wir unsere Demokratie erhalten wollen, brauchen wir ein hohes Bildungsniveau.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2019)

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