Selbstständigkeit: Überleben im "Dschungel"

Karriereberaterin Svenja Hofert veröffentlicht einen »Survival-Guide« für Einzelunternehmer. Im Interview verrät sie, wie man sich gut durchschlägt.

Selbststaendigkeit ueberleben Dschungel
Selbststaendigkeit ueberleben Dschungel

"Survival-Guides" gibt es für Urwälder und andere unwirtliche Gegenden. Durch den Dschungel müssen sich Selbstständige nur im übertragenen Sinn kämpfen. Und doch gibt es eine Reihe – teilweise überlebenswichtiger – Punkte, die sie beachten sollten.

Die Presse: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Selbstständige oft zu wenig Geld von ihren Auftraggebern verlangen, zu viel umsonst machen. Fehlt es ihnen an Selbstwertgefühl? 
Svenja Hofert: Es gibt genug Leute, die keine Probleme damit haben. Aber eine ganze Menge denkt sich: Im Zweifel weniger verlangen als gar keinen Auftrag. In vorauseilendem Gehorsam ist man dann etwas zu vorsichtig. Das hat mit Selbstwertgefühl zu tun, aber auch mit dem Glauben, bestimmte Honorare seien vorgegeben.

Das klingt nach einem Problem junger Selbstständiger.

Nein, das ist ein Problem auch und gerade Erfahrener. Bei vielen tritt das erst später auf, etwa dann, wenn sie vor einer Wachstumsphase stehen. Oft hat man schon zehn Jahre für drei oder vier Kunden gearbeitet. Da wird man die Honorare nicht wesentlich nach oben kriegen. Es stellt sich die Frage: Wie sehr bin ich bereit, einen Schnitt zu machen? Gebe ich die bisherigen Aufträge – mit Provision – ab und suche neue Auftraggeber, die deutlich mehr zahlen?

Sollte man sich hin zu Spezialisierung und höherwertigen Aufträgen entwickeln?

Das ist sicher sinnvoll. Nehmen wir das Beispiel einer Kommunikationsberatung für einen Kunden. Da könnte ich in der Folge auch noch selbst die regelmäßigen Blog-Einträge schreiben. Oder man macht nur die Beratung, ist dann aber aus dem Spiel raus. Viele fühlen sich sicherer, wenn sie mit Kleinarbeit weitermachen. Es ist aber besser, wenn man Partner hat und in solchen Dingen mit Netzwerken zusammenarbeitet. Natürlich kommt es aber immer darauf an, wo die eigenen Stärken liegen.

Gibt es eine ideale Zahl an Auftraggebern?

Viele Selbstständige haben  zu wenige Auftraggeber. Die Regel wären mindestens fünf Auftraggeber zu je maximal 20 Prozent der Auslastung. Das ist in der Praxis aber nicht so einfach umzusetzen. Wenn aber ein einzelner Auftraggeber 80 Prozent aller Aufträge ausmacht, sollten die Alarmglocken läuten.

Wie viele Einzelkämpfer wären eigentlich bereit, Mitarbeiter aufzunehmen?

Nach sieben, acht Jahren kommt das bei ziemlich vielen, auch bei denen, die das Thema Mitarbeiter vorher ausgeschlossen haben. Sie wünschen sich eine bessere Work-Life-Balance und möchten auch etwas verdienen, wenn sie selbst nicht im Unternehmen sind. Dann gehen viele in Richtung Agenturstrukturen.

Work-Life-Balance ist ein gutes Stichwort. Wie sehr sollten auch Selbstständige darauf achten?
Wenn man nicht das Bedürfnis nach einer besseren Work-Life-Balance hat, ist ja fast alles gut. Aber bei vielen kommt das  doch irgendwann. Letztendlich ist es eine individuelle Frage. Manchmal hat es damit zu tun, dass man ungern Dinge abgibt und sich in Kleinkram verliert.

Ein allgemeines Problem?
Viele sind zu perfektionistisch, machen prinzipiell mehr als erwartet. Dabei kommt man oft früher mit kleineren Ergebnissen zu mehr Erfolg. Ein gutes Beispiel sind übermäßig vorbereitete Präsentationen, die oft weniger gut ankommen.

Die Zahl der Neugründungen ist im Steigen begriffen. Worauf führen Sie das zurück?
Es sind in der Regel Gründungen von Leuten, die einen gewissen Lebensstil haben wollen. In der IT lässt sich selbstständig oft mehr Geld verdienen, sonst eher nicht. Es geht den meisten also nicht so sehr ums Geld oder darum, dass sie das Unternehmen eines Tages verkaufen können – was ein „richtiges“ unternehmerisches Ziel wäre. Die Masse erhofft sich einfach mehr Zufriedenheit. Das Kreative kommt in den Unternehmen immer mehr von außen. In den Unternehmen selbst sitzen noch Angestellte, die organisieren und verwalten. Da haben viele einfach keine Lust mehr drauf. Freiberuflich tätig sein ist auch inhaltlich attraktiver.

Zur Person

Svenja Hofwert gehört zu den profiliertesten Karriereberatern im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde sie durch zahlreiche bücher rund um Beruf und Existenzgründung und ihren Blog: karriereblog.svenja-hofert.de

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2011)

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