Das ist reinster Unsinn

Kolumne "Sprechblase". Warum nur vollste Zufriedenheit zählt.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Jungen Journalisten wird eingebläut: Es heißt „vergangene“ nicht „letzte“ Woche. Wäre es tatsächlich die letzte, könnte ja danach keine weitere mehr folgen.

Mit den Adjektiven gilt es, sorgfältig umzugehen. Besonders wenn es um die Steigerung geht: ein bisschen tot (okay, scheintot), ein bisschen lebendig, dreieckig, schriftlich, stumm, kinderlos, unvergleichbar, unilateral gibt es nicht. Ein bisschen mehr davon auch nicht.

Ein Tummelplatz der Adjektive sind Dienstzeugnisse. Die Zeugnisschreiber haben – mithilfe der Gerichte ("Würfle dir dein Dienstzeugnis selbst“)?– sogar die Grammatik weiterentwickelt. Was im normalen Sprachgebrauch nicht funktioniert, ist hier sogar vorgeschrieben: Wer mit einem Mitarbeiter sehr zufrieden war, muss „vollste Zufriedenheit“ schreiben.

Was die Zeugnisschreiber können, das wollen andere auch. Für sie reicht das Optimum (also das Beste) nicht aus, es kommt nur die optimalste Lösung infrage. Einflussfaktoren schreiben sie entscheidendste Bedeutung zu und ganz Übermütige hoffen immer noch auf die letzteste Alternative. Nur sie erfüllt sie mit vollster Zufriedenheit – das ist natürlich reinster Unsinn.

michael.koettritsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2015)

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