Mönchische Ruhe aus dem Fernen Osten

Bei den Wiener Festwochen führt Regisseur Tsai Ming-liang einen weiten Weg zurück in die Tang-Zeit.

„Der Mönch aus der Tang-Dynastie“
„Der Mönch aus der Tang-Dynastie“
„Der Mönch aus der Tang-Dynastie“ – Wiener Festwochen

Zwei große Blätter Papier liegen aufeinander auf dem Boden des ehemaligen Semperdepots. Sie sind gut vier Meter breit und acht Meter lang. Die Besucher der Wiener Festwochen strömen am Freitag in diesen hohen Trakt des Atelierhauses der Akademie der bildenden Künste, viele bereits eine halbe Stunde vor Beginn dieser Premiere im deutschsprachigen Raum. Sie werden gebeten, nicht auf das Papier zu treten und bekommen hellblaue Decken, um es sich auf langen Podesten ein wenig bequem zu machen. Ein Mönch in wallendem roten Gewand liegt auf dem Papier, kaum scheint er zu atmen.

Es herrscht aufmerksame Spannung in diesem Raum mit seinen Holzbalustraden und Treppen, von denen man gerne wüsste, was sie für eine Funktion gehabt haben. Wurden hier einst große Bühnenteile gefertigt? Tobte hier der Aktionismus?

Auch das 145 Minuten lange Schauspiel „Der Mönch aus der Tang-Dynastie“, das der in Malaysia geborene taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang (*1957) mithilfe des Darstellers Lee Kang-sheng sowie des Malers Kao Jun-honn und mehrerer Gehilfen bietet, bleibt geheimnisvoll. Einmal summt der Mönch leise wie zum Gebet, ein paar Lieder erklingen, doch sonst gibt es fast ausschließlich Kontemplation und bedächtiges Action-Painting wie in Zeitlupe. Am Schluss sind beide Blätter mit Kohlestrichen voll, der Mönch aber hat stoisch geschwiegen und geht auch still ab.


Stille.
Diese Aufführung erfordert vom Zuseher großen Gleichmut und positive Schwingungen. Nicht alle Premierengäste haben die Muße für ein strenges buddhistisches Zeremoniell. Nach einer Stunde beginnen mehr oder minder diskrete, aber stetige Abgänge. Diese Flüchtenden versäumen den schönsten Teil, das Ritual, die Reise. Am Anfang herrscht tatsächlich tiefe Gefasstheit. Still liegt der Mönch fast eine Stunde da, während der Meister der Grafik Spinnen malt, an die zwei Dutzend, die durch Fäden verbunden sind. Einige verwischt er wieder, dann wird das ganze Blatt mit beharrlicher, gleichförmiger Bewegung voll gezeichnet. In das Grau setzt er schwarz einen verästelten Baum, weiß einen Halbmond, und auch noch drei Blüten. Nun beginnt der Mönch, sich zu rühren, er steht auf, geht aus dem Bild, setzt sich etwas erhöht auf einen Thronsessel, trinkt Wasser.

Räucherstäbchen werden angezündet. Die Gehilfen falten das erste Blatt auf circa einen Quadratmeter, legen es auf das unbefleckte zweite Blatt. Der Mann setzt sich, man reicht ihm ein Tablett mit Schüsseln, einer Flasche, einem Rasiermesser. Er singt ein Gebet. Bedächtig beginnt er zu trinken, siebt Wasser, rasiert sich an manchen Stellen den Kopf, isst ein Stück Obst. Minutenlang. Er scheint eins mit den Dingen zu sein.

Zur Abwechslung erklingt fernöstliche Musik. Es herrscht nun im Raum eine Atmosphäre, die zwischen Atemlosigkeit und verhaltener Unruhe changiert, als mit dem Verfertigen des zweiten Bildes begonnen wird. Lange Linien. Auf ihnen bewegt sich der Mönch, der erneut aufsteht, mit Bedacht. Ein Lied fängt an, diesmal ein westliches: „Sentimental Journey“. Er tanzt ganz langsam. Der Weg entsteht beim Gehen. Das erste Blatt wird weggetragen.

Jetzt hat sich die Figur des Forschers Xuanzang, der vor 1400 Jahren während der Tang-Zeit zu Fuß von China durch Wüsten nach Indien gewandert ist, aufgemacht, zur Erleuchtung. Er hat das „Herz Sutra“ übersetzt, einen zentralen Text des Buddhismus. Der Roman „Die Reise nach Westen“ berichtet davon, und auch dieses Schauspiel in stilisierter Form. Noch ein asiatischer Gesang. Es geht nun bergan durch Ödnis, das Blatt wird an den Ecken angehoben, zerknüllt, als Baldachin verwendet, umgedreht wieder hingelegt. Auf das Weiß werden dann noch Punkte geklopft. Regen? Der Mönch stärkt sich erneut, mit Brot, verschwindet im Dunkeln. Einfach schön.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2014)

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