Architektur: England soll nun schöner werden

Was schön ist, wird schneller gebaut: Die britische Regierung setzt eine erzkonservative Ästhetikkommission ein und lässt den Massengeschmack erforschen. Architekten sind alarmiert. In öffentlichen Debatten ringt man um Konsens.

Terraced Housing, Portsmouth: An Aerial View
Terraced Housing, Portsmouth: An Aerial View
Terraced Housing, Portsmouth: An Aerial View – (c) Getty Images (David Goddard)

Säulen und Arkaden, Türmchen und Gesimse, Villen wie von Palladio und Trutzburgen en miniature: Dieses Poundbury ist zu „schön“, um alt zu sein. Seit 1993 wächst im englischen Dorset ein Modelldorf nach dem Willen von Prinz Charles heran. Lang wurde es als feudales Disneyland verlacht, als Marotte eines gelangweilten Monarchen, so wie Marie Antoinettes künstlicher Weiler im Schlosspark von Versailles. Doch während Kritiker die Nase über eine kitschige Kulisse rümpfen, ziehen laufend Menschen dorthin. Bald sollen es 6000 sein. Weit mehr kommen zum Bummeln oder Einkaufen. Man sieht weniger Pensionisten im Tweedsakko als Hipster aus der Großstadt. Das Gefällige gefällt. Die Ausführenden sind überzeugt, dass sie für die „schweigende Mehrheit“ bauen. Nun erhält seine königliche Hoheit Rückenwind von der Regierung: Großbritannien soll (trotz Brexit) schöner werden. Und die Geschmäcker der Mächtigen scheinen sich zu treffen.

Wohnbauminister Kit Malthouse will die akute Wohnungsnot mit den Waffen der Ästhetik bekämpfen: „Baut schön und ihr bekommt eine Bewilligung“, erklärt er den Immobilienentwicklern. Denn dann würden „die Kommunen sie willkommen heißen“, statt sie „mit der Mistgabel zu verjagen“. Was aber ist schön? Das bestimmt eine neu geschaffene Kommission namens Building Better, Building Beautiful.

 

Kreuzzug gegen die Moderne

Ihr Leiter ist Roger Scruton, ein erzkonservativer Philosophieprofessor, der seit Jahrzehnten einen Kreuzzug gegen die Moderne führt. Er verteufelt aber nicht nur Ahnherrn wie Le Corbusier und Mies van der Rohe, deren „utopische Fantasien“ uns Betonsilos beschert hätten, die „Gemeinschaften zerstören“. Auch zeitgenössische Stars der Zunft, von Norman Foster über Rem Koolhaas bis zu Zaha Hadid, sind ihm ein Gräuel – weil sie „um jeden Preis auffallen“ wollten, also nicht für die Menschen bauten, sondern für die Stärkung ihres Egos.

Die Architekten stöhnen. Sie sehen den Baukulturkampf der 1980er-Jahre, den sie für längst überwunden hielten, neu entfacht. Der Wohnbau auf der Insel sei traditionsverhaftet genug. Was wolle denn die Politik, noch mehr neoklassische und neoviktorianische Gebäude? Man wehrt sich gegen die Unterstellungen Scrutons: Auch den großen Nachkriegsarchitekten sei es auf ihre Weise um Schönheit gegangen. Die Kritik an ihren Dogmen sei aus der Zunft selbst gekommen. Und heutige Baukünstler seien sehr darauf bedacht, lebenswert und an das Umfeld angepasst zu bauen. Die konservativen Tories wollten mit ihrem Feldzug für das Schöne nur von eigenen Fehlern ablenken. Vor allem, dass sie den sozialen Wohnungsbau sträflich vernachlässigt haben. Den Mangel an leistbarem Wohnraum nun dem fehlenden Schönheitssinn der Architekten in die Schuhe zu schieben sei einfach nur zynisch.

Am Wort sind nun die Betroffenen selbst, mithilfe der empirischen Wissenschaft. Schon länger weiß man, dass eine als reizvoll empfundene Umgebung das Wohlbefinden steigert. Die Warwick Business School setzt Big Data und künstliche Intelligenz ein, um dem Massengeschmack auf den Grund zu gehen. Dazu ließ man 1,5 Millionen Briten in einem Internetspiel Fotos von 200.000 Orten in ihrem Land bewerten. Nun lernt der Algorithmus von selbst, was das Volk für „scenic“ hält. Das bisher wenig überraschende Resultat: Alte Gemäuer sind hübscher als Spitäler, Parkhäuser und Motels. Ergiebiger ein anderes Detail: Eine leere, platte Grünfläche tut es nicht. Es sollten schon Konturen, Hügel, Büsche und Bäume dabei sein, damit wir „Schön!“ seufzen.

Hier setzt die Initiative Create Streets ein, die ebenfalls stark mit Umfragen arbeitet. Ihr erklärtes Ziel: Hochhäuser abreißen und durch Reihenhäuser samt traditioneller Straßenführung ersetzen. Unter dem Titel Stadterneuerung hat man das in London schon öfter praktiziert. Das Ergebnis war immer: weniger Wohnraum in Summe, viel weniger Sozialwohnungen.

 

Will man die Armen vertreiben?

Aber die „Straßenschaffer“ rechnen vor, dass sogar mehr Menschen auf gleicher Fläche leben könnten. Auch weil die Betonbunker meist von öden, ungenutzten Grünflächen umgeben sind. Freilich müssten die niedrigen Neubauten dicht an dicht stehen, wie wir es aus Altstädten kennen. Das verbietet zwar die Bauordnung, aber die könne man ja ändern. Es ist verdächtig, wie sehr die Organisation betont, dass durch die Neugestaltung der Wert der Immobilien steige. Sie steht, wie auch Kommissionsleiter Scruton, dem wirtschaftsliberalen Thinktank Public Policy nahe, der die Regierung berät. Kritiker wittern eine versteckte Agenda: die Armen vertreiben, die Reichen bereichern. Dabei beteuert Create-Streets-Gründer Boys Smith, seine Idee sei ihm bei einem Treffen mit Unterschichtmüttern aus Eritrea und Somalia gekommen. Man zeigte ihnen Fotos, die Reaktion war eindeutig: Hochhäuser sind hässlich, traditionelle Straßenzüge schön. Aber die nette Story kann die Skepsis nicht vertreiben. Die Fronten bleiben klar.

Um sie aufzubrechen, lädt die Regierung die Kontrahenten nun zu öffentlichen Debatten ein. Wie ein Konsens aussehen könnte? Eine Ahnung davon vermitteln die Projekte der vielfach ausgezeichneten Architektin Alison Brooks im Londoner Stadtteil Brent. Auch sie setzt auf traditionelle Siedlungsmuster, Backstein und harmonische Einfügung ins Umfeld. Aber sie verzichtet, anders als der prinzliche Bauherr in Poundbury, auf ornamentalen Schnickschnack und süßliche Reminiszenzen an vergangene Epochen. Auch ein solcher, mit Qualität gepflasteter Mittelweg kann nicht allen gefallen. Aber vielleicht doch einer Mehrheit, die dann nicht mehr schweigen muss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2019)

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