Niki List: Der Pionier des heimischen Films ist tot

Regisseur Niki List, berühmt für „Müllers Büro“, ist mit 52 Jahren gestorben. Als herausragende Figur der österreichischen Filmszene schlug er vielfältige Wege ein.

(c) APA (HBF)

Der Tod kam völlig überraschend: In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ist der österreichische Regisseur Niki List im Anschluss an die Premierenfeier des Wiener Filmakademie-Festivals in einem Wiener Innenstadtlokal plötzlich gestürzt und bewusstlos am Boden liegen geblieben. Die eintreffenden Rettungskräfte konnten nur noch den Tod des 52-jährigen Filmemachers feststellen, die Ursache ist noch unklar.

List war der breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine Musicalkomödie Müllers Büro bekannt, die 1986 zu einem der großen österreichischen Erfolgsfilme wurde: Die Detektivparodie mit Christian Schmidt und Andreas Vitásek sahen 441,000 Kinobesucher, in der heimischen Bestenliste ist die Komödie bis heute auf dem dritten Platz, im deutschsprachigen Raum ist es überhaupt der bestbesuchte österreichische Film.

Doch der Kult um Müllers Büro sollte nicht Lists andere Leistungen überschatten: Künstlerisch Außerordentliches gelang dem Autor und Regisseur im Langfilmdebüt Malaria (1983), einem ironischen Porträt der Wiener New-Wave-Szene, sowie mit einer Trilogie von Filmen über seinen Freund, den mit Downsyndrom geborenen Christian Polster. Mama lustig...? (1984) war ein dokumentarisches Porträt des damals 15-jährigen Polster, in den Fortsetzungen Muss denken (1991) und Mein Boss bin ich (2001) ließ List verstärkt inszenierte Szenen einfließen.

Als Integrationsstudie und Langzeitporträt ist dieses Filmtrio einzigartig im heimischen Kino und Beleg für die Ambitionen Lists, dessen Karriere meist im Schatten von Müllers Büro rezipiert wurde: An diesen frühen Ausnahmeerfolg konnten seine weiteren Versuche im populären Fach wie die Anarchokomödie Sternberg – Shooting Star (1988) oder der Trash-Heimatfilm Helden in Tirol(1998) nicht anschließen; allein der deutsche Animationsfilm Werner – Beinhart (1990), zu dem List die Echtfilm-Rahmenhandlung beisteuerte, war ein Kassenknüller.

 

Eigenwillige Filme, Abstecher ins Theater

Eigenwilligere Werke wie die schwarze Komödie Ach, Boris... (1990) stießen bei der Kritik auf wenig Gegenliebe, doch List machte mit charakteristischer Ruhe und Beharrlichkeit weiter, schlug dabei erstaunlich vielfältige Wege ein: Seine letzten Regiearbeiten waren ganz gegensätzlich – der unglückliche Comicfilm Nick Knatterton (2001) und Move! (2002), ein Dokudrama aus Wiens Hip-Hop-Jugendszene, da schloss sich in gewisser Weise ein Kreis zum Debüt Malaria.

Neben der vielfach ausgezeichneten Regiekarriere – schon das Langfilmdebüt trug List den Max-Ophüls-Preis ein, er erhielt dreimal den Österreichischen Filmpreis und wurde sogar in Tokio prämiert – gründete List mit der Produktionsfirma Cult-Film eine Fixgröße der heimischen Kinolandschaft. Und es zog ihn immer wieder zum Theater, wo er in der Studienzeit (erst als Schauspieler) begonnen hatte. So inszenierte List 1993 die Uraufführung von Jürg Federspiels „Chaplin“ in St. Gallen, zuletzt die Bühnenfassung „Müllers Büro – Das Musical“ in Villach und im Wiener Metropol.

Noch am 11. März 2009 war List vom Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet worden. Ministerin Claudia Schmied (S) zählte zu den Stimmen, die bestürzt auf Lists Ableben reagierten: Er habe „wesentlich zur Renaissance des österreichischen Films beigetragen“, „das heimische Kino wieder zu einem Erlebnis gemacht“. Auch die Kultursprecher der anderen Parteien würdigten List als Pionier und herausragende Figur des heimischen Filmschaffens.

In der Filmszene herrschte am Donnerstag ebenfalls tiefe Betroffenheit. Der Dachverband der Filmschaffenden würdigte in einem Nachruf Lists Beitrag zum „Erfolg des österreichischen Films“ und auch das ungebrochene Engagement des ehemaligen Vorstandsmitglieds, das bis zu seinem unerwarteten Tod angedauert habe; herzliche Anteilnahme wurde Lists Frau und seinem kleinen Sohn, allen Verwandten und Freunden bekundet. ORF-Direktor Wrabetz sprach List „Dankbarkeit für sein Lebenswerk“ aus; in memoriam wurde das TV-Programm für Samstag, den 4. April, geändert: Um 22.50 Uhr läuft Müllers Büro in ORF2.

Zur Person

Niki List wurde 1956 in Wien geboren. Ab 1975 studierte er Theaterwissenschaften, an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt Wien besuchte er ab 1977 die Abteilung Fotografie, schloss dort 1980 mit Auszeichnung ab. Daneben beteiligte er sich an mehreren Theaterprojekten.

Filme machte List ab 1978, nach einigen Kurzfilmen gelang ihm 1982 mit dem Szeneporträt „Malaria“ der preisgekrönte Durchbruch, es folgte der Superhit „Müllers Büro“, der List einen von insgesamt drei Österreichischen Filmpreisen eintrug. Neben der Filmkarriere inszenierte List an mehreren Bühnen, im März 2009 erhielt er vom Kulturministerium den Berufstitel Professor. In der Nacht auf Donnerstag ist er verstorben.

Filmografie

Malaria (1982)
Mama lustig...? (Doku, 1984)
Müllers Büro (1986)
Die Dreckschleuder (TV, 1987)
Sternberg – Shooting Star (1988)
Ach, Boris... (1989)
Nummer 11 (1989)
Werner – Beinhart (Regie bei der
Rahmenhandlung, 1990)
Muss denken (Spieldoku, 1991)
Das andere Mühlviertel (Doku, 1993)
Der Schatten des Schreibers (1995)
Kopa Kagrana (TV, 1995)
Helden in Tirol (1998)
Mein Boss bin ich (Spieldoku, 2001)
Nick Knatterton – Der Film (2002)
Move! (Doku, 2003)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2009)

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