„Der letzte Tango in Paris“: Der Missbrauch war echt

Die Vergewaltigungsszene in „Der letzte Tango von Paris“ wurde ohne Einverständnis von Maria Schneider gedreht. Regisseur Bernardo Bertolucci und Schauspieler Marlon Brando haben die damals 19-Jährige überrumpelt.

LAST TANGO IN PARIS 1972 DIRECTED BY BERNADO BERTOLUCCI Maria Schneider and Marlon Brando AD00527315
LAST TANGO IN PARIS 1972 DIRECTED BY BERNADO BERTOLUCCI Maria Schneider and Marlon Brando AD00527315
Maria Schneider und Marlon Brando in ''Der letzte Tango in Paris'' – (c) imago/AD (imago stock&people)

Wenn es um Skandalfilme geht, wird „Der letzte Tango von Paris“ immer genannt – schließlich wurde der Film in vielen Ländern verboten, in Italien wurden Regisseur Bernardo Bertolucci und Schauspieler Marlon Brando wegen „Obszönität“ zu Bewährungsstrafen verurteilt. Ein Skandal zum Erotik-Film von 1972 wird aber erst jetzt einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Die Verzweiflung Maria Schneiders in der berüchtigten Vergewaltigungsszene war nicht gespielt, sondern die junge Schauspielerin wurde überrumpelt.

Der Film handelt von dem Amerikaner Paul (Marlon Brando, damals 48 Jahre alt), der durch Paris streift und dort der jungen Französin Jeanne (Maria Schneider, damals 19) begegnet. Die beiden treffen sich zum Reden und für Sex, wobei die sexuellen Spiele immer abwegiger werden. Diese kippen in der berühmten „Butter-Szene“. Darin ist zu sehen, wie Paul Jeanne anweist, sie solle ihm Butter aus der Küche bringen. Diese tut das widerwillig. Paul überwältigt sie daraufhin und vergewaltigt sie anal, die Butter benutzt er als Gleitmittel. Jeanne liegt wehrlos auf dem Bauch und weint.

„Ich wollte, dass Maria es fühlt“

Der Missbrauch fand auch abseits der Kamera statt: Zwar hat Brando Schneider nicht penetriert, aber die Szene wurde ohne ihr Einverständnis gedreht und stand so nicht im Drehbuch. Das erzählte der Regisseur in einem Video, das 2013 aufgenommen wurde: „Ich hatte die Idee mit Marlon am Morgen vor dem Dreh“, sagt Bertolucci bei einem Auftritt in den Niederlanden. „Da war ein Baguette, da war Butter und wir schauten uns an – und ohne ein Wort zu sagen, wussten wir, was wir wollten.“

Er habe sich Schneider gegenüber schlecht verhalten, gibt der Regisseur (der damals 31 Jahre alt war) zu, aber „ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin“, sagte er. „Sie hat sich erniedrigt gefühlt. Ich glaube, sie hat mich und Marlon gehasst, weil wir ihr nichts von der Butter als Schmiermittel erzählt haben.“

Dass Schneider sich von Bertolucci und Brando missbraucht fühlte, ist nicht neu. Die 2011 in Paris an Krebs verstorbene Schauspielerin hat mehrfach über die Szene gesprochen: „Ich habe mich vergewaltigt gefühlt“, sagte sie 2007 der „Daily Mail“. Ihrer damaligen Aussage zufolge hätten Bertolucci und Brando ihr erst unmittelbar vor dem Dreh der Szene gesagt, was sie vorhatten. „Ich war so wütend. Ich hätte meinen Agenten oder meinen Anwalt anrufen sollen, damit sie zum Set kommen, weil man jemanden nicht dazu zwingen kann, etwas zu tun, was nicht im Drehbuch steht. Aber damals wusste ich das nicht.“ 

Mit Regisseur Bertolucci sprach sie seit 1976 nicht mehr. Im Laufe ihrer weiteren Karriere weigerte sie sich, Nacktszenen zu drehen.

Aussagen nach drei Jahren aufgegriffen

Das Video mit Bertolucci steht seit Jahren im Netz. Dass es gerade jetzt zum Skandal führt, hat sicher mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für Missbrauchsfälle zu tun. Zum großen Teil ist es aber Zufall: Die spanische Non-Profit-Organisation „El Mundo de Alycia“ hatte das Video anlässlich des „Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ am 25. November geteilt.

So wurden offenbar einige Medien und im Zuge dessen Hollywood-Stars auf den Fall aufmerksam, die nun wiederum für breites Medienecho sorgen.

„Das macht mich krank“

Schauspielerin Jessica Chastain, die bereits zwei Mal für den Oscar nominiert war, richtete eine Botschaft auf Twitter an ihre rund 300.000 Follower: „An alle Menschen, die diesen Film lieben: Ihr seht eine 19-Jährige, die von einem 48-jährigen Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diesen Missbrauch geplant. Das macht mich krank.“

Auch Chris Evans, der die populäre Comicfigur Captain America spielt und 4,7 Millionen Follower auf Twitter hat, äußerte sich: „Ich werde mir diesen Film, Bertolucci oder Brando nie wieder mit denselben Augen ansehen. Das ist jenseits von widerlich. Ich bin wütend.“ Schauspielerin Evan Rachel Wood, die jüngst öffentlich gemacht hatte, dass sie vergewaltigt worden war, schrieb: „Das ist abscheulich und bricht mir das Herz.“

„Gestorben, bevor ich mich entschuldigen konnte“

Bertolucci hat Schneider nie um Verzeihung gebeten: „Maria beschuldigte mich, sie ihrer Jugend beraubt zu haben und erst heute frage ich mich, ob dies nicht wahr war“, sagte er kurz nach ihrem Tod 2011. „Sie ist gestorben, bevor ich sie wieder umarmen und mich bei ihr entschuldigen konnte.“

>> Das Interview Schneiders in der "Daily Mail"

>> Bericht in der "Süddeutschen Zeitung"

(her)

Kommentar zu Artikel:

„Der letzte Tango in Paris“: Der Missbrauch war echt

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen