Film aus Österreich: Blutgericht auf der Maturareise

Kritik Dominik Hartl schickt eine Maturaclique auf "Die letzte Party deines Lebens": Dort wartet ein Maskenmörder. Formal schludrige, aber vergnügliche Genrekost aus Österreich.

Sympathische Natürlichkeit im Angesicht des Schreckens: Antonia Moretti als Jessica, Elisabeth Wabitsch als Julia.
Sympathische Natürlichkeit im Angesicht des Schreckens: Antonia Moretti als Jessica, Elisabeth Wabitsch als Julia.
Sympathische Natürlichkeit im Angesicht des Schreckens: Antonia Moretti als Jessica, Elisabeth Wabitsch als Julia. – (c) Thimfilm

Die Maturareise: für viele ein ekstatischer Befreiungsschlag nach Schulabschlussstress. Für andere bloß spaßterroristische Gruppenzwangsbeglückung. Jedenfalls ein Fixpunkt im Coming-of-Age-Kalender vieler junger Menschen. Und eine lukrative Massenindustrie: Immer wieder sorgen Reiseanbieter für Negativschlagzeilen wegen aggressiver Werbestrategien. Erst im Februar verurteilte das Wiener Handelsgericht den Veranstalter DocLX (nicht rechtskräftig) zur Unterlassung bestimmter Social-Media-Reklamepraktiken.

Auch falsche Prospektversprechungen stehen oft in der Kritik. Auf der Website des Europäischen Verbraucherzentrums findet sich ein an Schüler gerichteter Leitfaden für verantwortungsvolle Buchungen: „Meerseitig“ heiße noch lang nicht Zimmer mit Meerblick, „Bademöglichkeit“ sei nicht gleich Strand. Was man dort jedoch vergeblich sucht, ist der Euphemismus für einen Messermörder mit Grinsemaske, der im Schatten des All-inclusive-Paradieses auf verirrte Partyvögel lauert, um ihnen auf garstige Weise den Garaus zu machen.

Ein solcher treibt nämlich sein Unwesen in Dominik Hartls Film „Die letzte Party deines Lebens“ – und er gehört keinesfalls zum touristischen Animationsprogramm. Seine Opfer pickt er sich aus einer österreichischen Maturaklasse, die sich in Kroatien den Prüfungsfrust aus den Leibern feiert. Als jemand aus ihrer Mitte spurlos verschwindet, wird der Verdacht auf Verbrechen achtlos vom Tisch gefegt, die gute Laune soll ungestört bleiben. Doch ein paar Todesfälle später lässt sich die verstörende Wirklichkeit allen Mojitos zum Trotz nicht mehr ausblenden: Die Schüler sind im Visier eines gnadenlosen Killers. Was ist nur sein Motiv?

Schon in der alpinen Splatterkomödie „Angriff der Lederhosenzombies“ versuchte Hartl – ein erklärter Enthusiast für dieses Genre – Schablonen des US-Horrorkinos mit Lokalkolorit zu füllen. Damals hievte er die filmisch überstrapazierten „lebenden Toten“ aus ihrem postmodernen Grab. Diesmal dienen vor allem Klassiker der Neunziger-Slasher-Welle à la „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ als Vorlage. Das erste Mal ist es nicht, dass Schlitzerfilm-Konventionen ins Österreichische transponiert werden: 2006 lieferte Andreas Prochaska mit „In 3 Tagen bist du tot“ eine gelungene Regionalvariante, auch dort wurde eine Maturaclique von Geistern der Vergangenheit bedrängt. Neu ist bei Hartl das rauschhafte Ambiente seines Schauplatzes: Gedreht wurde teilweise vor Ort, beim „X-Jam“ auf der Halbinsel Lanterna (übrigens auch ein DocLX-Event).

 

Stimmung wie in „Spring Breakers“

Entsprechend ist der Thriller gespickt mit authentischen Stimmungsbildern, die in ihrer Ausgelassenheit ans Semesterferien-Pandämonium rund um das US-amerikanische „Spring Break“ erinnern – und an Harmony Korines komplementären Kultfilm „Spring Breakers“, dessen schillernde Neonfarbenflut als ästhetische Inspirationsquelle diente. Wummernde Electro-Beats bestimmen den Soundtrack, das Figurenensemble bietet gattungsgemäß einen stereotypen Querschnitt durch die Schulklassenhierarchie: die Dicken, die Tussi, den Macho, den Streber – und eine sensible Heldin, verkörpert vom Jungtalent Elisabeth Wabitsch („Siebzehn“). Obwohl Schauspiel und Dialog durchwachsen sind, verleihen die frischen Gesichter und der „Oida“-Sprech dem Film eine sympathische Natürlichkeit, auch Michael Ostrowski lässt sich in einer Gastrolle blicken.

 

Die Kamera bewegt sich, wo sie kann

Formal ist das Ganze zwar ambitioniert (die Kamera bewegt sich, wann und wo sie kann), aber es mangelt an Stabilität. Zuweilen hat man das Gefühl, Bild und Montage seien nicht richtig festgeschraubt. Wohlwollender könnte man sagen, sie ahmen den Dauerschwips der Protagonisten nach. Die Spannung bleibt aber aufrecht. In der Zielgeraden wird die Gangart härter und der Tonfall tragischer, was durchaus Wirkung zeigt.

Am Ende erzählt „Die letzte Party deines Lebens“ kaum weniger über die (angebliche) Verrohung der Jugend als Michael Hanekes „Happy End“, mit dem es sich den Kunstgriff der Smartphone-Einstellung teilt. Und ist im Grunde ebenso moralisch.

Einziger Unterschied: Hier läuft im Abspann Gigi D'Agostino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2018)

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