Cannes: Ein Porträt des Künstlers als Serienkiller

KritikSchluss mit Persona non grata: Lars von Trier ist zurück in Cannes. „The House That Jack Built“ ist eine Art passiv-aggressive Entschuldigung für seinen Hitler-Sager.

Letztlich dreht sich auch dieser Von-Trier-Film (mit Matt Dillon als Mörder) um von Trier.
Letztlich dreht sich auch dieser Von-Trier-Film (mit Matt Dillon als Mörder) um von Trier.
Letztlich dreht sich auch dieser Von-Trier-Film (mit Matt Dillon als Mörder) um von Trier. – (c) Zentropa-Christian Geisnaes

Sieben Jahre ist es her, dass sich Lars von Trier bei der Cannes-Pressekonferenz seines Apokalypse-Dramas „Melancholia“ „ein bisschen“ als Hitler-Versteher outete und dafür vom Festival zur Persona non grata erklärt wurde. Wer Cannes kennt, wusste schon damals, dass der Bann nicht ewig währen würde – mit jenen, die die Leiter der Filmfestspiele für große Regiekünstler halten, sind sie in der Regel nachsichtig. Und so durfte der Däne heuer zurückkehren, im Schlepptau sein jüngstes Werk: „The House That Jack Built“.

Dessen Titelheld, verkörpert von Matt Dillon, ist ein Serienkiller – und zwar einer, der sich als Künstler versteht. Das wissen wir, weil der zweieinhalbstündige Film ihm ausgiebig Zeit gibt, sich zu erklären. Nach „Nymphomaniac“ setzt von Trier wieder auf ein (selbst-)analytisches Kinokonzept. Nur geht es diesmal um Mord statt um Sex. Und statt Stellan Skarsgård gibt Bruno Ganz den Quasi-Therapeuten und platonischen Sparring-Partner. Ihm erzählt Jack im Off fünf Episoden aus seinem Leben. Dass dieses bereits vorbei ist, wird schnell klar: Verge, der Name des erst unsichtbaren Zuhörers, steht für Vergil, und die beiden sind Richtung Orkus unterwegs.

Jacks mörderischer Werdegang beginnt trocken bis heiter. Das erste Verbrechen eine Kurzschlusshandlung, das zweite schwarzhumorig amateurhaft: Der Hyperneurotiker kehrt immer wieder an den Tatort zurück, um nachzusehen, ob er auch wirklich alle Blutspuren aufgewischt hat. Später packt von Trier seine gewohnten Schocktaktiken aus: Erst werden Kinder vor den Augen ihrer Mutter erschossen (wie in „Dogville“), dann schneidet Jack einer Frau die Brüste ab. Vorher erklärt er ihr, was ihn wirklich ärgert: Warum sind immer die Männer an allem schuld?

Spätestens, als Jack sich in eine Reihe mit den größten Massenmördern der Geschichte stellt und von der erhabenen Bauweise von Stukas zu schwärmen beginnt (während Holocaust-Bilder auf der Leinwand erscheinen), werden viele die Parallelen zwischen dem Antihelden und seinem Autorenfilmer nicht mehr ausblenden können. Das ist freilich der Punkt: Der Film ist auch eine Brachialabhandlung über die Unvereinbarkeit von Moral und künstlerischer Freiheit. Dass er sich dabei so weit aus dem Fenster lehnen kann, erkauft sich von Trier mit der Widerrede Vergils, die jeder Provokation folgt. Und mit einer finalen Selbstkasteiung: Künstler-Narzissmus, ein bodenloses Loch.

 

Angewiderte Zuschauer

In gewisser Hinsicht ist der Film ein schelmischer, passiv-aggressiver Versuch, sich zu entschuldigen – aber von Trier wäre nicht von Trier, würde er dabei nicht erneut für Aufregung sorgen. Cannes setzte auf präventive (und etwas halbherzige) Distanznahme: „The House That Jack Built“ lief außer Konkurrenz, vor seiner Pressevorführung blieb das übliche Festival-Intro aus. Bei der Premiere sollen etliche Zuschauer angewidert den Saal verlassen haben. Standing Ovations gab es allerdings auch. Verwunderlich angesichts dessen, wie wenig Neues die jüngeren Arbeiten von Triers erzählen: Seit geraumer Zeit drehen sie sich kunstvoll im Kreis um ihn selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2018)

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