Die bittersüße Genese des Winnie Puuh

Kritik „Goodbye Christopher Robin“ setzt den Kinderklassiker hart gegen die Kriegszeit, in der er entstanden ist. Der Film zeigt überforderte Erwachsene und das überwältigende Geschäft mit dem Bären: Entzückend, auch beunruhigend.

Esel, Tiger, Ferkel: Aus den Stofftieren seines Sohnes kreierte A. A. Milne seine Kinderbuchhelden.
Esel, Tiger, Ferkel: Aus den Stofftieren seines Sohnes kreierte A. A. Milne seine Kinderbuchhelden.
Esel, Tiger, Ferkel: Aus den Stofftieren seines Sohnes kreierte A. A. Milne seine Kinderbuchhelden. – ABC-Films

„Ein Erzherzog wurde ermordet, worauf 19 Millionen Nichterzherzöge sterben mussten!“ Die noble Cocktailgesellschaft schaut einigermaßen schockiert und verdrossen auf den jungen Mann, der diese Rede schwingt. Es ist A. A. Milne (großartig gespielt vom Iren Domhnall Gleeson), der hier spricht. Der zarte Intellektuelle Milne erfand nicht nur Winnie Puuh, er war auch Pazifist, speziell, nachdem er im Ersten Weltkrieg seine Kameraden sterben sah.

Zurück in England heiratet der introvertierte, weltfremde Autor die glamouröse Daphne (hübsch und temperamentvoll: Margot Robbie), die ihn aber verlässt, nachdem er ihr ein Kind gemacht hat. Der Ausdruck klingt grob, trifft es aber insofern, als die attraktive, allseits begehrte Daphne, ein Mädchen der Roaring Twenties, weder auf die Geburtsschmerzen noch auf die Erziehung von Nachwuchs vorbereitet ist. Sie wollte ein Mädchen oder gar kein Kind, sie will, dass ihr Mann ein Bestseller-Autor wird, sie verachtet den Träumer, den sie geehelicht hat. Das Landleben geht ihr auf die Nerven, und schließlich verlässt sie Milne. Er bleibt zurück mit Sohn und aufopfernder Gouvernante (wunderbar: Kelly Macdonald). Die Kinderfrau hat aber noch ihre kranke Mutter zu pflegen, eines Tages verschwindet auch sie.

 

Lauter charmante Systemverweigerer

Nun steht Milne, der noch immer mit Wahnvorstellungen durch sein Kriegstrauma zu kämpfen hat, mit seinem Buben (Will Tilston) da, er muss mit ihm zurecht kommen – und mit der Zeit schaffen die zwei das auch. In traumverlorenen Bildern nähern sie sich einander an, öfter ist der Knabe erwachsener als der Vater. Der Brite Simon Curtis drehte u. a. das Kammerspiel „My Week with Marilyn“ (Monroe) sowie „Woman in Gold“ über Maria Altmann und die aus dem Belvedere restituierten Klimt-Gemälde; dieser Film wurde teils herb kritisiert, weil er es mit den tatsächlichen Umständen der Rückgabe nicht sehr genau nahm; dafür spielte die großartige Helen Mirren die Hauptrolle.

Das Biopic des Puuh-Erfinders und seines Sohnes, Christopher Robin, der in die Kinderbuchgeschichte einging, scheint im Großen und Ganzen den Tatsachen zu folgen, wenn es auch deutlich versöhnlicher wirkt als die wahre Familiengeschichte der Milnes. „Goodbye Christopher Robin“ ist nicht nur interessant wegen des Rührstücks um die Erfindung der Figuren. Die Story vom naiven Bären und seinen Freunden trägt – zwar weniger deutlich als „Alice im Wunderland“, aber doch – leicht satirische und anarchische Züge. Alice trifft auf eine grausame Königin, die jedem den Kopf abschlagen lässt. Milnes Teddy lebt in einer Utopie des Friedens, einer weltfernen Idylle, dem Hundert-Morgen-Wald. Dorthin wären die kriegsgeschädigten Europäer am liebsten selbst übersiedelt. Doch wer sind Puuhs Freunde tatsächlich? Ein ängstliches Ferkel, ein depressiver Esel und eine Eule, die alles besser weiß, aber bloß drauflos schwadroniert und die anderen arbeiten lässt: lauter charmante Systemverweigerer, auf den ersten Blick herzig, auf den zweiten bizarr.

 

Die Mutter hat die Hosen an

Curtis kontrastiert das friedvolle englische Landleben hart mit den furchtbaren Ereignissen auf dem „Kontinent“, von dem sich England schon damals vergeblich zu distanzieren versuchte. Er zeigt die Umbrüche in der Gesellschaft: Daphne hat daheim die sprichwörtlichen Hosen an, sie lässt die Stofftiere ihres Sohnes zum Leben erwachen und zeigt dabei mehr Talent denn als Mutter. Ihre Fantasie hat, obwohl sie abwesend ist, nicht unwesentlichen Anteil an der Puuh-Kreation. Und die Nanny ist keine viktorianisch-strenge Gouvernante, sondern eine Ersatzmama, die ihre Arbeitgeber herb kritisiert, weil sie ihren Sohn im Puuh-Boom rücksichtslos vermarkten.

„Goodbye Christopher Robin“ ist ein schöner, berührender, aber auch nachdenklich stimmender Film darüber, was man dem Nachwuchs nahebringen soll und kann. Es gibt auch ein paar Überraschungen, darum sollte man keineswegs vorher auf Wikipedia nachschauen, wie die Story sich entwickelte – und unbedingt Taschentücher mitnehmen. Der ältere Christopher Robin, der seinem Vater Vorwürfe wegen der Puuh-Kommerzialisierung macht, ist dem Zeichentrick-Christopher-Robin wie aus dem Gesicht geschnitten: Alex Lawther spielt diesen Burschen, der als Erwachsener seine Eltern das Fürchten lehrt. Die Rechte für Puuh hat heute Disney, auf Netflix ist in der Kindersektion eine der Filmfassungen zu sehen: Immer wieder ein Erlebnis für Eskapisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2018)

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