Druckkochtopf des Arabischen Frühlings

Kritik Das aufgeheizte Kino-Wagenkammerspiel "Clash" ruft die Staatskrise Ägyptens 2013 in Erinnerung.

Archivbild: Massenproteste in Ägypten 2013
Archivbild: Massenproteste in Ägypten 2013
Archivbild: Massenproteste in Ägypten 2013 – (c) REUTERS (AMR ABDALLAH DALSH)

Streng genommen ist Mohamed Diabs „Clash“ ein Historienfilm: Er spielt 2013, zur Zeit der Massenproteste gegen den kurzzeitigen Präsidenten Mohammed Mursi, und gewährt einen Einblick in die aufgeheizte Stimmung, die damals in Ägypten geherrscht haben muss.

Doch nichts an diesem Einblick mutet wie ein Rückblick an, alles signalisiert Gegenwärtigkeit. Die Handlung spielt sich fast in Echtzeit ab, an einem schwelenden Sommertag in Kairo; der einzige Schauplatz – der metallische Bauch eines Arrestwagens – vermittelt das Gefühl, in einem Druckkochtopf zu stecken, der jeden Augenblick übergehen könnte.

Denn bereits in den ersten Szenen wird dieser Topf mit Menschen unterschiedlichster Couleur überfüllt. Mubarak-Anhänger, Muslimbrüder, Aktivisten und Unbeteiligte landen hinter mobilen Gittern. Argwohn liegt in der Luft, Vertrauen ist Mangelware. Diab bleibt bewusst neutral: Wer für und wer gegen Armee oder Machthaber ist, spielt letztlich kaum eine Rolle. Ziel ist vielmehr das herbe Sinn- und Sittenbild einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft.

Die Figurenzeichnung bleibt entsprechend typenhaft: Man denkt an ähnlich gelagerte Genreklassiker wie Hitchcocks „Das Rettungsboot“. Eingangs zanken sich die Transporterinsassen noch, doch je länger sie im Schwitzkasten stecken, je mehr sich die Lage zuspitzt, desto näher rücken sie zusammen. In erster Linie geht es um Menschlichkeit: Im vielleicht eindringlichsten Bild versucht ein junger Mann, sich mit Musik aus seinem Handy abzulenken, während um ihn Chaos tobt.

Dennoch wurde „Clash“ in Cannes 2016 als Politstatement gefeiert, manche seiner Protestszenen entstanden ohne ausdrückliche Drehbewilligung. Probleme in Ägypten bekam der Film allerdings hauptsächlich ob seiner Weigerung, sich auf eine Seite zu schlagen: Erst versuchte die neue Regierung, ihn mit einem Marginalstart zu verbergen, doch als das nicht klappte, stellte sie sich per Oscar-Einreichung hinter ihn, was ihm den Ruch von Propaganda einbrachte.

Heute ist „Clash“ vor allem eine Zeitkapsel: Der Arabische Frühling ist dem Arabischen Winter gewichen, Filme dieser Art können nur noch gegen großen Widerstand entstehen. Der Plot von „Clash“ spiegelt diese Entwicklung wider, seine Atmosphäre verdüstert sich zusehends, gegen Ende landet man in einem Pandämonium, in dem grüne Laserpointerstrahlen den Raum durchzucken und ein wütender Mob nach Schuldigen sucht: Die Revolution frisst ihre Kinder, immer noch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2018)

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