Im Weltraum hat man endlich seine Ruh'

In Damien Chazelles Neil-Armstrong-Biopic „First Man“ gibt Ryan Gosling den Mondmann als trauriges Weltraumkünstlergenie.

In seinem neuen Film „First Man“ fliegt Ryan Gosling als Neil Armstrong auf den Mond. Dorthin – und noch viel weiter – zog es das Kino schon lange vor Apollo 11.
In seinem neuen Film „First Man“ fliegt Ryan Gosling als Neil Armstrong auf den Mond. Dorthin – und noch viel weiter – zog es das Kino schon lange vor Apollo 11.
In seinem neuen Film „First Man“ fliegt Ryan Gosling als Neil Armstrong auf den Mond. Dorthin – und noch viel weiter – zog es das Kino schon lange vor Apollo 11. – (c) Universal Pictures

Ob die Gäste wissen, dass ihr Mann einst musikalische Ambitionen hatte? So fragt Janet Armstrong in die Runde der Abendgesellschaft. Neil druckst leicht verschämt herum, gibt dann aber zu: Ja, in seiner Studentenzeit habe er Songs von Gilbert und Sullivan mit neuen Texten versehen, für das College-Musical „The Land of Egelloc“. Ein bisschen Stolz schwingt mit beim Eingeständnis, doch der Freundeskreis kichert: Hihi, der Nasa-Astronaut als verkappter Musikant!

Dieser Moment ist in Damien Chazelles Armstrong-Biopic „First Man“ nicht mehr als eine kuriose Nebensächlichkeit – aber irgendwie auch der Schlüssel zum Film. Dass der US-Regisseur ein Faible für Porträts ehrgeiziger Musiker hat, daran lässt sein bisheriger Werkkorpus keinerlei Zweifel: Vom verjazzten Schwarz-Weiß-Debüt „Guy and Madeline on a Park Bench“ über die Schlagzeugstreber-Spompanadeln aus seinem Durchbruch „Whiplash“ bis hin zum Pas de deux im Kulturprekariatsmusical „La La Land“ geht es immer um den Drang nach künstlerischer Exzellenz – und um die Opfer, die selbiger fordert.

Der Überraschungserfolg letztgenannter Arbeit ermöglichte Chazelle, sich an einer richtigen Wuchtproduktion zu versuchen. Wie etliche männliche Kinotechnokraten, die ihren Abdruck in der Filmgeschichte hinterlassen wollten, zog es ihn ins Strahlenmeer Weltenraum – und die Story des ersten Mondamerikaners war erstaunlicherweise noch nicht abgegrast. In dessen Rolle schlüpft nun Ryan Gosling, seines Zeichens verbissener Pianist aus „La La Land“, verkorkster Killer aus „Drive“ und verklemmter Replikant aus „Blade Runner 2049“. Chazelle inszeniert ihn auch hier als von Dämonen getriebenes Künstlergenie, dessen Begabung sich ausnahmsweise in praktischen, technischen und naturwissenschaftlichen Gefilden manifestiert: Statt auf Klaviaturen spielt er virtuos auf Raketen-Armaturen.

Sein Trauma: der Krebstod der zweijährigen Tochter. In dunklen Stunden taucht sie vor seinem geistigen Auge auf. Jeder Unfall, der Kollegen das Leben kostet, erinnert ihn daran. Das Cockpit wirkt wie ein Sarg. Der Druck des „Space Race“, den der Kalte Krieg befördert, kann Armstrong gestohlen bleiben. Seine Angst ist existenziell. Und doch kann er sie sich nicht eingestehen. Erst ein oscarwürdiger Wutanfall seiner Frau („The Crown“-Star Claire Foy) zwingt ihn, die Kinder über die Gefahren der Apollo-11-Reise aufzuklären. „Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Mission“, erläutert er seinen Buben am Küchentisch, als wär's eine Pressekonferenz. Besser als nichts.


Ein größerer Schritt für Neil. Die frühen Familienszenen des Films sind in ihrer fahrigen, körnigen Ästhetik (gedreht wurde auf unterschiedlichen Filmformaten) 1960er-Vorbildern nachempfunden. In ihnen wird greifbar, dass Kino-Armstrong auch das Zeug zum guten Vater gehabt hätte, wären seine kosmischen Thanatos-Obsessionen nicht so anspruchsvoll gewesen. Zuweilen bemüht sich „First Man“ per Parallelmontage auch um Janets Nöte als De-facto-Alleinerzieherin. Doch sein Kerninteresse gilt ausschließlich dem Titelhelden, der im Kontrast zum taktlosen Ungustl Buzz Aldrin (Corey Stoll) immer noch ganz nett erscheint, ungeachtet aller Asozialität.

„Im Weltraum hört dich niemand schreien“, drohte 1979 der Slogan von Ridley Scotts Horror-Klassiker „Alien“. Klingt arg, könnte aber auch heißen: Im Weltraum hat man endlich seine Ruh'. Bei „First Man“ beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass Armstrong all den Nervenkitzel, der sich in den beeindruckenden, klaustrophobischen Raumfahrtsturbulenz-Sequenzen breitmacht, nur auf sich nimmt, um in den aparten Landschaften des weißen Erdtrabanten vor Zumutungen des Alltags und Eruptionen schmerzlicher Erinnerungen gefeit zu sein. Im Vakuum des Mondkraters (Chazelle setzt hier auf absolute Stille) kann man erstmalig ungestört trauern. Die harte Arbeit hat sich gelohnt, nicht nur für die Kumpel im Kontrollzentrum in Houston: Ein großer Schritt für die Menschheit, ein noch größerer Schritt für den einsamen, traurigen Mann namens Neil.

Bald Im Kino

„First Man“, im deutschen Verleihtitel „Aufbruch zum Mond“, eröffnete Ende August das Filmfestival von Venedig. Ab 8. November ist der Film von Damien Chazelle in den österreichischen Kinos zu sehen.

Kontroverse. Weil der berühmte Moment, in dem Neil Armstrong die US-Flagge in den Mondboden setzt, im Film fehlt, gab es Kritik von Republikanern, darunter auch Donald Trump. Chazelle entgegnete, er habe die unbekannten Aspekte der Mondlandung zeigen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2018)

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