Franco Zeffirelli, er war sich seiner Sache sicher

Seine Liebe zum äußersten Realismus machte Zefirelli bei Opern- und Kinofans gleichermaßen beliebt. Manche seiner Inszenierungen in Wien sind heute noch Publikumsmagnete. Er verstarb 96-jährig in Rom.

Zeffirelli (li.) im Jahr 2000 mit Tenor Luciano Pavarotti.
Zeffirelli (li.) im Jahr 2000 mit Tenor Luciano Pavarotti.
Zeffirelli (li.) im Jahr 2000 mit Tenor Luciano Pavarotti. – APA/AFP/GABRIEL BOUYS

„Filmregisseur Franco Zeffirelli gestorben" – so lautete der Titel der traurigen Agentur-Meldung. Musikfreunde opponieren sogleich: Filmregisseur? Franco Zeffirelli war mehr, war das Idol aller Opernfreunde, die Stücke so auf der Bühne sehen möchten, wie sie sich’s beim Lesen des Librettos und beim Hören der Musik erträumen.

Wien demonstriert das bei jeder Aufführung von Puccinis „Boheme“, von Bizets „Carmen“ und hat es viele Jahre lang mit Mozarts „Don Giovanni“ bewiesen: Zeffirellis Produktion von 1972, erstaunlicherweise recht umstritten anlässlich ihrer Premiere, kehrte sogar wieder, als es galt, eine weniger geglückte Neuinszenierungen wieder zu ersetzen! Ein Menetekel: Dass ein Operndirektor es wagen könnte, die perfekten Inszenierungen von „Carmen“ oder der „Boheme“ aus dem Spielplan zu nehmen, scheint Opernfreunden geradezu denkunmöglich. Wenn der Vorhang sich über dem prallen Pariser Straßenleben vor dem Café Momus hebt, gibt es heute noch manchmal Szenenapplaus. Dabei ist die Produktion bereits mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Sie strahlt dennoch mehr Frische aus, versprüht mehr Leben als die meisten, oder sagen wir es gleich rundheraus: als sämtliche hochgejubelten Musiktheater-Versuche der Moderegisseure unserer Zeit.

So echt wie möglich

Das liegt nicht nur an der Opulenz der Bühnenbilder, die dieser Regisseur in der Regel selbst entwarf und bei denen er so wenig wie möglich bei den Kostümen an Aufwand sparte, um sie so echt und realistisch wirken zu lassen, wie das im Theater irgend möglich sein kann. Vor allem war es Zeffirellis Kunst, Dekors so zu gestalten, dass sich in ihnen die Handlung, um die es ging, so natürlich wie möglich entfalten konnte. Die Musik war mitgedacht, ihr Tempo, ihre Zeit.

Man hat Franco Zeffirelli seine Liebe zum äußersten Realismus oder – wie im Falle des „Don Giovanni“ – zu einer Art mythisierendem Ästhetizismus oft vorgeworfen, nicht nur, wenn es um die Oper ging, sondern selbstverständlich auch angesichts seiner Filme. Ein Regisseur, der für die Kritiker arbeitete, war er nie. Wütende Attacken konnten ihm egal sein: Sein Publikum liebte ihn. Und diese Liebe ließ sich nicht minder schlüssig erklären wie die wortreich dargelegten Theoreme skeptischer Rezensenten.

Shakespeare im Film

Nicht nur, wenn es um die Leiden von Mimi und Violetta ging, war dieser Regisseur präzise, mehr als jeder Seelendoktor es sein könnte – denn er orientierte sich an dem, was Puccini und Verdi erklingen ließen und machte es sichtbar. Melodramatisch in diesem Sinne waren oft auch Zeffirellis Filme, vor allem jene, in denen er das Theater ins Kino holte, ohne Genregrenzen fühlbar werden zu lassen. Seine Shakespeareverfilmungen, voran „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit dem Traumpaar Liz Taylor/Richard Burton, wirken, als ob der Dichter doch zuallererst einmal als Drehbuchautor auf die Welt gekommen wäre.

Auch vergisst kein Kinogeher die eindrucksvollen Breitwandtableaus des „Jesus von Nazareth“. Sie sind stark genug, das Christus-Bild mehrerer Generationen zu prägen, weil es im Wesentlichen doch nicht Zeffirelli ist, was man zu sehen bekommt, sondern Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Dass er seine ersten Sporen als Assistent von Lucchino Visconti verdiente, hat Franco Zeffirelli nie geleugnet. Mit Visconti teilte er die Opernleidenschaft und die Verehrung für Maria Callas, der er mit „Callas Forever“ ein cineastisches Denkmal zu setzen versuchte. Die sagenumwobene letzte Callas-Vorstellung als Tosca in der Londoner Covent Garden Oper (1964) fand übrigens in seiner Inszenierung statt.

Er war sich seiner Sache sicher

So wenig diesem Mann die hämischen Kommentare etwas anhaben konnten, die seinen Einsatz für Silvio Berlusconis Forza Italia im italienischen Senat begleiteten, kratzten ihn je die kritischen Kommentare zu seiner künstlerischen Arbeit. Er war sich seiner Sache immer sicher.

Wenn er in der Arena von Verona bei „Aida“ Massen bewegte, schien das in diesem Ambiente so stimmig wie die zerbrechliche Zartheit von Teresa Stratas’ Violetta in der „Traviata“-Verfilmung zu gehauchten Geigenpianissimi – noch eine Legende; Franco Zeffirelli hat ihrer viele hervorgebracht. Am Samstag ist er 96-jährig in Rom gestorben.

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