„Anna“: So fad kann Frauenpower im Kino sein

KritikLuc Besson wandelt im Agententhriller „Anna“ auf den Spuren seines 1990er-Jahre-Hits „Nikita“. Die Titelheldin wird vom KGB rekrutiert, um ausländische Geschäftsleute kaltzustellen.

Eine starke Frau, das ist ein Supermodel mit Schießeisen.
Eine starke Frau, das ist ein Supermodel mit Schießeisen.
Eine starke Frau, das ist ein Supermodel mit Schießeisen. – Constantin Film

Der Ruf nach starken Frauenfiguren im Kino wird lauter. Doch was zeichnet sie eigentlich aus? Unbeugsamer Wille? Eine vielschichtige Persönlichkeit? Charme und Charisma? Für Luc Besson war schon immer klar: Eine starke Frau, das ist ein Supermodel mit Schießeisen.

Na gut: Ein klein wenig unrecht tut man dem Franzosen (der seinen Filmen nach zu urteilen lieber Amerikaner wäre) mit dieser Einschätzung schon. In seiner Blütezeit hatten Bessons Protagonistinnen mehr Profil: etwa das vorwitzige Gör, das sich geschickt ins Leben eines Auftragskillers windet („Léon – Der Profi“). Doch das Potenzial vulgärfeministischer Ansätze ist eingeschränkt. Ein ums andere Mal (von Milla Jovovichs Alien in „Das fünfte Element“ über Rie Rasmussens Engel in „Angel-A“ bis hin zu Scarlett Johanssons Übermensch in „Lucy“) bediente Besson die gleiche comichafte Ermächtigungsfantasie.

USB-Sticks im Jahr 1990?

Nun will er es noch einmal wissen – und liefert mit „Anna“ ein verkapptes Remake seines 1990er-Hits „Nikita“. Es spielt sogar im Jahr 1990 (obwohl Requisiten wie Laptops und USB-Sticks die Datierung ad absurdum führen). Die Titelheldin (verkörpert vom russischen Model Sasha Luss) wird vom KGB (Helen Mirren und Luke Evans) rekrutiert, um ausländische Geschäftsleute kaltzustellen. Warum? Egal. Jedenfalls ist sie fotogen, spricht fünf Sprachen, kann schießen und schlagen, Schach spielen und Tschechow zitieren. Eine starke Frau eben!

Als Fotomodell in Paris verführt und liquidiert sie reiche Männer. Diese glauben, Oberhand zu haben. Doch in Wahrheit ist es andersrum. Ein Kommentar zur #MeToo-Debatte? Hoffentlich nicht. (Besson war kürzlich selbst mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert.) Dann kommt die CIA ins Spiel (Cillian Murphy als süffisanter Agent), Rück- und Vorblenden überschlagen sich, und „Anna“ verliert sich im öden Pingpong-Spiel aus Twists und Gegen-Twists.

Die Action ist nicht viel spannender, das Schauspiel reicht von peinlich bis passabel. Luss, die anständigerweise nicht nur in Unterwäsche zu sehen ist, macht das Beste aus ihrem Material (jedenfalls eher als Cara Delevingne in Bessons fehlbesetztem Scifi-Spektakel „Valerian and the City of a Thousand Planets“). Doch ihre Leinwandpräsenz reicht nicht aus, um den trashigen, trotz Turbotempo trägen Thriller zu tragen. Dann doch lieber Anna Karenina.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2019)

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