Gloria probt den Kontrollverlust

Sebastián Lelios eigenes Hollywood-Remake von „Gloria“ zeigt Julianne Moore in Bestform: Mit überwältigender Beiläufigkeit spielt sie eine Frau, die Liebe sucht.

Nach einer durchzechten Nacht wacht Gloria (Julianne Moore) an einem fremden Hotelpool auf.
Nach einer durchzechten Nacht wacht Gloria (Julianne Moore) an einem fremden Hotelpool auf.
Nach einer durchzechten Nacht wacht Gloria (Julianne Moore) an einem fremden Hotelpool auf. – (c) SquareOne Entertainment

Wie diese Frau tanzt! Nicht graziös, nicht berstend vor Leidenschaft, kein Lächeln bricht aus ihr hervor. Nur ein angeregtes Wippen, zum Takt gleitende Arme, ein seliger, selbstvergessener Gesichtsausdruck sind zu sehen. Gloria tanzt nicht, um zu gefallen, sie macht niemandem etwas vor. Und sie muss keine begeisterte Miene aufsetzen, um zu zeigen, dass es ihr hier gefällt, in der abgenutzten Tanzbar, umgeben von anderen Singles mittleren Alters, die sich gemeinsam zu Disco-Klassikern bewegen. Alle ein bisschen ungelenk, dafür stundenlang. „Wenn die Welt untergeht, sterbe ich hoffentlich tanzend“, sagt Gloria einmal im Kreis von Freunden, bei einem Glas Wein. Man zweifelt keine Sekunde, dass sie es ernst meint.

Gloria, das ist die alles einnehmende Protagonistin des Films von Sebastián Lelio, und das schon zum zweiten Mal: 2013 brachte der Chilene ein Filmporträt einer geschiedenen, in Santiago lebenden Endfünfzigerin (gespielt von Paulina García) auf der Suche nach Liebe und anderen Mitteln gegen das Alleinsein heraus. Titelsong war Umberto Tozzis Italo-Disco-Hit „Gloria“. 2018 gewann Lelio mit seinem ergreifenden Drama „Eine fantastische Frau“ über eine trauernde Transfrau den Auslandsoscar. Der hievte ihn in die Position, um seinem früheren Film eine Hollywood-Coverversion dazuzustellen. Julianne Moore spielt nun die Titelfigur, und sie tanzt zum englischsprachigen „Gloria“ von Laura Branigan.

„Gloria, don't you think you're fallin'?“, heißt es darin, und „I think you're headed for a breakdown, so be careful not to show it“. Dabei ist so ein gelegentlicher Zusammenbruch doch etwas ganz Normales! Der wirft einen leichten, warmen Blick auf seine Protagonistin: Geordnete Garderobe, blondes Haar, große Brille mit schimmernden Details. Gloria ist lebensfroh, pragmatisch, unabhängig. Sie hat einen Job in der Versicherungsbranche, ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Ex-Mann, zwei Kinder, die längst auf eigenen Beinen stehen. Gloria ist einsam, könnte man feststellen, sie würde wohl sagen: Sie hat Liebe zu verschenken.

 

Kurztrip nach Las Vegas

Also tanzt sie sich den Charmeur Arnold (John Turturro) an, der sich als eher humorlos und in Beziehungsdingen unbeholfen erweist. Er lässt sich von Glorias Spieltrieb ein Stück weit anstecken, wagt es aber nicht, sich gegenüber seiner Exfrau und seinen erwachsenen Töchtern zu behaupten, die ihn ständig für irgendwelche Bagatellen herbeirufen. Ein Kurztrip der beiden nach Las Vegas endet für Gloria mit einer alleine durchzechten Nacht inklusive Aufwachen an einem fremden Hotelpool. Manche Szene lässt Regisseur Lelio unvollendet, oft gewährt er überhaupt nur flüchtige Einblicke in die Abenteuer einer Frau, die den Kontrollverlust probt: Gloria beim Lachyoga, Gloria am Boden ihrer irgendwie unheimeligen Wohnung, wie sie einen Joint raucht.

Lelio packt sie ins Zentrum seiner stimmungsvollen Bilder aus Stroboskoplicht, Sonnenstrahlen und sorgsam komponierten Farben; einmal lässt er eine Trockenhaube ihren Kopf umkreisen wie einen Heiligenschein. Man könnte dieser Frau wohl auch eineinhalb Stunden lang beim Wäscheaufhängen zuschauen. Julianne Moore legt alles in die Rolle, und gibt sie doch auch mit präziser Zurückhaltung: Wenn sich Gloria etwa am Flughafen, als ihre Tochter wegzieht, das Weinen verbieten will und es doch nicht schafft. Moore drückt aus, dass Gefühle nicht immer eindeutig, sondern verwirrend sein können, und sie tut das mit einer Beiläufigkeit, die in Bann zieht. Nur als Gloria bei einer Autofahrt einmal nicht, wie sie es sonst tut, zu Kuschelrockhadern und Discotreibern mitträllert („I'm all out of love . . .“), sondern stumm nach vorne blickt, ist klar: Jetzt ist sie wirklich verletzt.

Aber so etwas vergeht, das ist die schöne, positive Botschaft des Film, zumindest kann man sich entscheiden, glücklich zu sein. Und Tanzen kann dabei helfen. Die letzte Szene, in der Gloria eins wird mit dem Titelsong, möge nie enden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2019)

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