„Anonymous“: Shakespeare, ein Oxford als Ödipus?

Streit um Autorenschaft: William Shakespeare war in Wahrheit der Earl of Oxford, behauptet Roland Emmerichs Film „Anonymous“. Diese These hat schon Sigmund Freud gefallen. Aber was ist an ihr dran?

(c) Sony Pictures

Im Jahr 1916 klagte der Regisseur eines Shakespeare-Films einen Herrn, der behauptete, Shakespeares Werke seien in Wahrheit von Francis Bacon geschrieben worden. Durch diese Lüge werde er an seinem Film weniger verdienen, argumentierte er. Der Richter gab dem Beklagten recht: Es sei bewiesen, dass Bacon Shakespeare sei.
Fast hundert Jahre später sind die „Baconianer“ so gut wie ausgestorben  –  stattdessen erhält ein anderer Shakespeare-Kandidat die größte Schützenhilfe: einen Hollywood-Blockbuster vom Deutschen Roland Emmerich. Erzählt wird in „Anonymous“ die Geschichte des Edward de Vere, des 17. Earl of Oxford. Dieser verliebt sich in Königin Elizabeth I. (Vanessa Redgrave), ohne zu wissen, dass sie seine Mutter ist, und zeugt mit ihr einen Sohn. Bei den alten Griechen reichte das als Tragödienstoff, hier wird noch eins draufgesetzt: Ein Leben lang schreibt de Vere heimlich Werk auf Werk, und ein lächerlicher Luftikus von Schauspieler heimst den Erfolg für seine Stücke ein: William Shakespeare.
Die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse finden diese Theorie diskussionswürdig, am Freitag wurde „Anonymous“ ebendort präsentiert und besprochen. Was also ist dran? Wenigstens, dass nicht alles an Shakespeare Shakespeare ist. Teile früherer Stücke stammen sicher von anderen Autoren, einiges wurde auch nach Shakespeares Tod von Schauspielern rekonstruiert. Und wenn in Shakespeare gar kein Shakespeare wäre? Davon waren etwa Mark Twain, Freud oder Orson Welles überzeugt. Dieser nannte die Geschichte vom Genie Shakespeare den „größten und erfolgreichsten jemals an einer duldsamen Welt ausgeübten Betrug“. Aber wer war Shakespeare, wenn nicht er?

Frühere Kandidaten: Bacon, Marlowe

An die 70 Kandidaten gab es schon. Der erste war der zehn Jahre nach Shakespeare verstorbene Philosoph Francis Bacon. Forscher suchten in Flüssen, Kirchen, Gräbern nach angeblich laut Shakespeares Werk versteckten Dokumenten, die Bacons Autorenschaft beweisen würden – immer erfolglos.
Ein weiterer Anwärter, der Dichter Christopher Marlowe, hatte den Fehler, dass er viel zu früh gestorben war, um Shakespeares Stücke zu verfassen. Forscher glaubten aber zu wissen, er sei gar nicht gestorben, sondern von seinen Freunden für tot erklärt worden, um einer drohenden Hinrichtung zu entgehen. Unter dem Deckmantel von William Shakespeare habe er seine erfolgreiche literarische Karriere weitergeführt.
1920 schlug mit dem Buch „Shakespeare Identified“ die Geburtsstunde der „Oxfordianer“, bald war der Earl of Oxford der populärste Shakespeare-Kandidat, er ist es bis heute. In den 1950ern kam die Behauptung dazu, dass Oxford und Elizabeth I. ein Liebespaar waren und ein Kind miteinander hatten. Die Inzest-Theorie ist erst ein paar Jahre alt: Sie stammt von Paul Streitz, Leiter des Oxford Institute, einer der wichtigsten Organisationen der Oxfordianer. Er behauptet in seinem zehn Jahre alten Buch „Oxford. Son of Elizabeth I.“, Oxford sei nicht nur Elizabeth' Liebhaber, sondern auch ihr Sohn gewesen, sein mit ihr gezeugter Sohn Southampton somit sein eigener Halbbruder. John Orloff, Drehbuchschreiber von „Anonymous“, übernahm dieses Szenario.
Die Vorliebe für Kryptogramme, in Texten versteckte Botschaften, teilen die „Anti-Stratfordianer“ mit dem Autor des „Da Vinci Code“, Dan Brown. Solche Indizienketten haben nur einen Haken: Mit ihnen lässt sich fast jeder Zeitgenosse Shakespeares als der wahre Autor „beweisen“.

In Stratford lernte man Latein

Die akademische Forschung sieht keinen Grund, an Shakespeares Autorenschaft zu zweifeln: Diese sei ausreichend mit Dokumenten belegt. Auch das Argument, Shakespeare sei ungebildet gewesen, ist nicht stichhaltig: In der Grammar School in Stratford lernten die Schüler intensiv Latein, auch Griechisch, und mussten sogar selbst kleine Dramen nach klassischem Muster schreiben.
Für die Oxfordianer aber wurden die historischen Dokumente gefälscht. Sie selbst stützen ihre These auf angebliche Parallelen zwischen Oxfords Leben und den Shakespeare-Dramen. Dazu kommen weitere „Indizien“: So hatte Oxford Verbindungen zum Elisabethanischen Theater und zum Dichtermilieu, seine Familie war am Druck und an der Veröffentlichung der ersten Folio-Ausgabe von Shakespeares Stücken beteiligt.
Schon bisher haben sich die Oxfordianer abseits der akademischen Wissenschaft profiliert, dank spektakulärer Bücher und sensationsträchtiger Aktionen: So brachten sie den Shakespeare-Streit 1987 vor den Obersten Gerichtshof der USA. Sie verloren allerdings.
„Anonymous“ wird ihre These weltweit populär machen. Shakespeare-Gelehrte werden sich darob die Haare raufen – oder sich freuen. Denn in Emmerichs Historienschinken hört man viel Shakespeare, leidenschaftlich und ergreifend. Wer weiß, ob Emmerich nicht mehr Teenager zu Shakespeare-Fans macht als Tausende Englischlehrer? Ob diese Schüler dann William Shakespeare oder den Earl of Oxford für den Autor halten, ist eigentlich gar nicht so wichtig.
„Anonymous“ läuft ab 11. 11. im Kino.

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