"Secret Sunshine": Ein bisschen Sonne in Miryang

Suche nach Glück: „Secret Sunshine“ vom Südkoreaner Lee Chang-dong. Im Top.

(c) Rapid Eye Movies

Miryang ist eine mittelgroße südkoreanische Stadt, ein Ort wie viele andere. Fernab von Metropolen wie Pusan oder Seoul ist das Leben hier ein wenig härter, rauer, echter, ehrlicher. Es ist stimmig, dass Lee Chang-dong – ein Vorreiter der aktuellen Autorenregisseurswelle in Südkorea – die Protagonistin seines vierten Spielfilms Secret Sunshine in diese Stadt ohne Wolkenkratzer und andere Superlativen ziehen lässt, um ein neues Leben zu beginnen, um glücklich zu werden.

Miryang – der Name übersetzt sich frei als „heimlicher Sonnenschein“, daher der Filmtitel – ist der Geburtsort des verstorbenen Mannes von Shin-ae (in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet: Jeon Do-yeon): Mit dem Umzug in die Heimatstadt des Gatten erfüllt sie ihm posthum seinen Lebenstraum. Man beobachtet sie, wie sie sich neu organisiert, wie sie sich in das Gesellschaftsleben integriert, wie sich all ihre Hoffnungen zerschlagen, als ihr Sohn entführt und wenig später ermordet aufgefunden wird.

Lee Chang-dong kennt die südkoreanischen Befindlichkeiten und Psychopathologien, hat die Verdrängungsmechanismen und die Oberflächengeilheit seiner Landsleute in seinen Filmen (und Romanen) immer wieder thematisiert. Wenn man den Hochglanzlack von den Fassaden kratzt, der boomenden Computerbranche den Stecker raus zieht, die sterilen Markenproduktwelten kollabieren lässt, dann blickt man in seinem Kino auf eine verunsicherte, frauenfeindliche und gewaltbereite Gesellschaft.

 

Auch der Mörder wird Christ

Genau dorthin will Lee, nach Miryang, ins „normale“ Südkorea. Dort soll Shin-ae glücklich werden. Nach dem Tod ihres Sohnes stürzt sich die seelisch verkrüppelte Frau in eine christliche Gemeinschaft, nimmt das Leiden als selbstverständlichen Teil des Lebens hin, unterordnet sich einer höheren Macht, ist zufrieden damit, dass (wieder) jemand anderer ihre Geschicke leitet.

Um ihre Heilung zu vervollkommnen, sucht sie den Kindsmörder im Gefängnis auf. Endlich ein Platz in dieser Gesellschaft! Shin-ae: die Selbstlose. Aber es kommt anders: Auch der Täter behauptet, Gott gefunden zu haben und von all seinen Sünden befreit zu sein. Und Shin-ae schreit.

Secret Sunshine spiegelt in dieser Figur auch die Misogynie in der südkoreanischen Gesellschaft wider, in der eine Flexibilisierung der traditionellen Geschlechterrollen unmöglich erscheint, in der Burschen im zweijährigen Wehrdienst systematisch zu entemotionalisierten Männern gemacht werden. Lee Chang-dong ist aber nicht interessiert am pompösen Melodram, er will kein Märchen von weiblicher Selbstermächtigung erzählen, keine Märtyrerin kreieren: Dafür sind seine Figuren zu komplex, dafür ist seine Erzählhaltung zu kompromisslos. In einer der stärksten Szenen beobachtet Shin-ae, die zu Gott gefunden hat, wie ein junges Mädchen von ein paar Burschen in einer Seitengasse geschlagen und erniedrigt wird. Dann steigt sie aufs Pedal und fährt davon.

Lee Chang-dongs Kino wächst – organisch, unaufgeregt – aus dem Land heraus, nährt sich aus Beobachtungen. Bei aller Kritik und all der Härte, mit der es vom Alltag als Tragödie erzählt, ist es bestimmt von Zärtlichkeiten, getragen von der Hoffnung auf Veränderung. Weil im Zentrum stets die Überzeugung des Regisseurs sitzt, dass es selbst im grauen Miryang, diesem Ort wie vielen andere, die Chance auf ein bisschen Sonnenschein gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)

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