9/11-Film: Totale Tränentherapie

Stephen Daldrys Verfilmung „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foers gleichnamige Romanvorlage verordnet eine billige Pathospackung als Universalheilmittel. Der Film läuft derzeit im Kino.

(c) Warner

Gibt es ein Thema, das dem britischen Regisseur Stephen Daldry groß genug ist? Nach Exkursionen zu Virginia Woolf, Aids und Sterbehilfe (The Hours) sowie Auschwitz und Sex mit Minderjährigen (Der Vorleser) unternimmt er mit Extrem laut und unglaublich nah einen weiteren wackeren Versuch, aus renommierter Gegenwartsliteratur eine Überdosis G'fühl für die Leinwand zu destillieren. Jonathan Safran Foers gleichnamige Romanvorlage böte gleich zwei historische Tragödien: Fast meint man Daldrys Enttäuschung darüber zu spüren, dass er der Bombardierung von Dresden kaum Platz einräumen kann. Aber das US-Trauma der Attacken am 11. September reicht auch, um eine Pathospackung als Universalheilmittel zu verschreiben.

Foers Buch erschien 2005 und war einer der ersten US-Versuche, sich 9/11 literarisch anzunähern – bezeichnenderweise in Form eines schriftstellerischen Konstrukts. Die Geschichte des neunjährigen Buben Oskar, dessen Vater in den Twin Towers ums Leben kam, wurde unter Verwendung unkonventioneller Techniken präsentiert: leere Seiten, Zahlenketten, mit rotem Filzstift umringelte Wörter, Fotos, ein Daumenkino. Das passte zum Ich-Erzähler Oskar, dem enorm altklugen (und sich entsprechend gestelzt artikulierenden) Buben, der sich auf eine Expedition durch New York macht, um die Trauer zu verwinden. Ein Tamburin unter dem Arm, das er als Schutz gegen seine zahlreichen Ängste spielt. Die Figur selbst ist ein Konstrukt, irgendwo zwischen Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ und J. D. Salingers „Fänger im Roggen“, gekreuzt mit einem jener vorlauten Kinder, die in Fernsehquizsendungen „süß“ verblüffen.

Daldrys junger Hauptdarsteller, Thomas Horn, hat wirklich bei der Kinderversion des US-TV-Quiz „Jeopardy!“ gewonnen – und es ist nicht seine Schuld, dass der elfjährige Oskar im Film unglaublich schnell extrem unerträglich wird. Vielmehr liegt es an der Banalität der Umsetzung, die einen realistischen Rahmen für Foers märchenhafte Stilisierung sucht und dann doch nur sentimentale Manipulationsformeln findet. Tom Hanks spielt in Rückblenden als (zu) perfekter Papa auf: Schon die Trauer hängt an einer Fantasiefigur, während als Gegenpol die traumatisierte Mama (Sandra Bullock) erstaunlich verantwortungslos agiert – was sich aber nur als einer der Drehbuchtricks von Forrest Gump-Autor Eric Roth erweist, mit denen am Ende eine Serie „erhebender“ Emotionsexzesse orchestriert wird. Da kommen Daldry und Roth auch die sechs Anrufbeantworterbotschaften des in den einstürzenden Twin Towers gefangenen Vaters für einen Suspense-Countdown gerade recht.

Peinlichster Oscar-Kandidat seit Langem

Wie gerade in Scorsese Hugo Cabret führt dabei die Suche nach einem vom Papa vererbten Schlüssel zur Traumatherapie: Bei Scorsese ein Einstieg, bei Daldry das Gesamtkonzept. Oskars Weg geleitet durch ein multikulturelles New York, in dem man sich weinend oder lächelnd umarmt, während ausgeklügelte Schnittfolgen und übertriebene Musikeinlagen jene schnellen Gefühlsregungen intensivieren, die hier die eigentliche Reflexionsarbeit ersetzen sollen.

Ein typischer Oscar-Köderfilm also, und er hat seine Nominierung auch gekriegt – was selbst in den USA als peinlichster Pathos-Clou der Oscars seit Langem gilt. Nicht unverdient hingegen die Nominierung des gravitätischen Max von Sydow als bester Nebendarsteller für seine Rolle als alter Mann, der Oskar begleitet und – auch traumatisiert – statt zu sprechen per Notizblock kommuniziert oder als Antwort eine seiner Hände hebt: Auf der linken steht „Ja“, auf der rechten „Nein“. Als Zuseher möchte man selbst bald nur mehr die rechte Hand heben.

Zum Film

„Extrem laut und unglaublich nah“ basiert auf dem gleichnamigen, 2005 erschienenen Roman von Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet“, „Tiere Essen“) über den 11. September und seine Folgen. Die Verfilmung von Stephen Daldry („Der Vorleser“) ist heuer in zwei Kategorien im Oscar-Rennen: beim besten Film, was bereits für einige hämische Kommentare gesorgt hat, sowie beim besten Nebendarsteller (Max von Sydow).

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