Iain Bell: Ein extremer Optimist

Der englische Komponist Iain Bell spricht über seine Oper „A Harlot’s Progress“ - und seine Begeisterung für Popmusik.

KOMPONIST IAIN BELL
KOMPONIST IAIN BELL
KOMPONIST IAIN BELL – (c) APA/PETER M. MAYR (PETER M. MAYR)

Sein erstes Stück hieß "Glücklich sein!". Er spielte es auf der Blockflöte, und es dauerte 30 Sekunden. Da war der Brite Iain Bell vier Jahre alt. Am 13. Oktober wird im Theater an der Wien seine Oper "A Harlot s Progress" uraufgeführt: Eine junge Frau, Moll, kommt auf der Suche nach einem besseren Leben in die Stadt. Sie gerät in die Hände einer Kupplerin, wird von einem reichen Mann ausgehalten. Dann aber verliebt sie sich in einen Dieb und wird zur Hure. Sie erkrankt an Syphilis und stirbt. Die Kupplerin nimmt sich ihrer Tochter an. Zynisch und grausam ist diese Geschichte. "A Harlot s Progress" ist eine Kupferstich-Serie des sozialkritischen englischen Malers William Hogarth (1697-1764), ebenso wie "The Rake s Progress", die Strawinsky-Oper, in der es um den Abstieg eines Abenteurers und Wüstlings geht, das Werk war im September im Theater an der Wien zu sehen. "Rake" und "Harlot" sind gewissermaßen Komplementär-Geschichten. Strawinskys Librettist war der Lyriker und Schriftsteller H. W. Auden. Das Buch für "A Harlot s Progress" schreibt Peter Ackroyd, bekannt für seine historischen bzw. Science-Fiction-Romane ("Das Haus des Magiers", "The Plato Papers".

Die Hauptrolle in "Harlot s Progress" singt Diana Damrau, für die Bell schon mehrfach komponiert hat: "Sie ist meine Muse", schwärmt er: "Sie beflügelt meine Kreativität. Ich schreibe ja vor allem für die menschliche Stimme. Es ist für mich der Himmel, Diana in einer vollwertigen Oper auf der Bühne zu haben! Die Kulmination ist die 31 Minuten lange Wahnsinnsszene von Moll. Diana hat eine starke Bühnenpräsenz. Sie setzt alle Belcanto-Waffen ihres stimmlichen Arsenals für dieses zeitgenössische Stück ein. Wir haben sehr ähnliche Instinkte, wir hatten lange Diskussionen, haben uns aber dann doch schnell auf den Duktus des Werks geeinigt." Viele Sänger finden es strapaziös, moderne Kompositionen einzustudieren: "Ich glaube nicht, dass Diana die Arbeit mit mir als Abrücken von Mozart oder Donizetti sieht. Sie liebt es neue Erfahrungen zu machen", so Bell. Hat er je daran gedacht, für andere "Instrumente" als die menschliche Stimme zu komponieren? "Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich liebe es, Geschichten durch die Musik zu erzählen und zu hören, wie die Sänger ihnen Leben einhauchen"

Gymnastik und Golden Girls. Bell kommt nicht aus einer musikalischen Familie: "Meine Eltern sahen, dass ich das gerne mache, sie taten alles, um mir eine Ausbildung zu ermöglichen." Wie lebt so ein Komponist? "Ich schätze Routine und Struktur," erzählt Bell: "Ich stehe um sieben Uhr morgens auf, mache Gymnastik, wasche mich, frühstücke und um neun Uhr fange ich an zu arbeiten." Bis halb sieben Uhr abends komponiert er, mit Pausen für Lunch und Kaffee. Einen Tag in der Woche nimmt er sich frei, "um das Hirn auszulüften, da drücke ich die metaphorische Reset-Taste, das brauche ich unbedingt!" Bells Musik klingt neoromantisch, festlegen lassen mag er sich nicht: "Glücklicherweise sind wir heute befreit von Etiketten und -Ismen. Trotzdem profitieren wir von der so vielfältigen Musikgeschichte." Molls Lebensgeschichte stürzt von "reiner, unschuldiger Liebe hinab in gewaltige Abgründe der Verzweiflung. Man wird wunderschöne, lyrische Musik hören, aber auch raue fieberhafte Atonalität", verspricht Bell. Es werde Momente geben, in den sich das Publikum unbehaglich fühlt, aber "wir folgen nur Hogarths ungeschminktem Blick auf die Realität".
Die Parallelen zur heutigen Zeit seien offensichtlich, findet Bell: "Früher waren die Bedrohungen Syphilis und die Bordelle in der Drury Lane. Heute gibt es Aids, Frauenhandel, Sex-Sklaverei". Eine wichtige Rolle in "Rake s-" und "Harlot s Progress" spielt die Entwicklung der Stadt, konkret London: Jugendliche lieben es seit jeher, doch auch die dunklen Seiten der Themse-Metropole sind viel besungen und beschrieben: "Ich habe große Ehrfurcht vor der Geschichte, die mich in London umgibt", schwärmt Bell, "die römische Stadtmauer, die mittelalterichen Straßennamen von Smithfield, die neoklassizistischen Bürgerhäuser aus der Zeit von König George II. und Hogarth, die düsteren Alleen, die man aus Dickens-Romanen kennt, die Pflastersteine des Eastend. Von da kommt meine Familie. ,A Harlot s Progress ist eines meiner Stücke, die sich direkt auf London beziehen, seine Geräusche, seine Poesie. Manchmal gehe ich bei Sonnenaufgang über die Millenniumsbrücke und schaue London beim Aufwachen zu. Das ist die wahre Glückseligkeit!"

Welche Musik mag er selbst? Bell: "Ich bewundere Alban Berg, Kaija Saariaho, Britten, Ligeti, Birtwistle, alle diese Komponisten haben einen phänomenalen Instinkt für das Drama und verstehen es, die Möglichkeiten von Orchestern auszuschöpfen. Das ist sehr wichtig, um es als Opernkomponist an die Spitze zu schaffen. Ich habe auch eine Leidenschaft für alte Musik aus dem 14. Jahrhundert von englischen Komponisten wie Dunstable oder Sturgeon. Im Grunde liebe ich alle Arten von Musik, auch Pop. Mich interessiert sehr, was die Pop-Musiker meiner Generation machen, z. B. Beyonc oder Justin Timberlake. Auf meinem iPod haben ich Lady Gaga, Thomas Ad s, Kate Bush. House Music lasse ich immer laufen, wenn ich Gymnastik mache. Klingt ziemlich eklektisch, was?"

Flucht aus der Tragik. Komponisten waren historisch betrachtet oft schwierige Menschen mit einem tragischen Schicksal. Bell wirkt lebhaft, gut gelaunt, obwohl er sich mit so finsteren Stoffen beschäftigt, auch seine Musik klingt teilweise tragisch. "Im Zentrum meiner Arbeit, dieser, aber auch der nächsten Opern-Aufträge, die ich habe, stehen dunkle, düstere Charaktere, die gezwungen sind, über den Tod nachzudenken", sagt er: "Ich glaube, die Musik ist mein Weg, diese Seite meiner Persönlichkeit zu erforschen. Im täglichen Leben bin ich nämlich ziemlich geschwätzig, albern und extrem optimistisch. Seit fünf Jahren habe ich eine fixe Beziehung, die die Welt für mich bedeutet, die mich am Boden hält, aber auch beflügelt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Wenn ich schwere Stücke wie ,A Harlot s Progress komponiere, schaue ich, dass mein Leben abseits der Arbeit leicht und hell ist. Ich finde Trost in den Romanen von Jackie Collins, die einen viel frivoleren Zugang zu Sex, Sexualität haben als ich ihn in dieser Oper entwickeln kann. Mein Partner und ich haben uns auch diese 1980er-Serie ,The Golden Girls angeschaut. Ich liebe es Kuchen zu backen und Eiscreme selber herzustellen. Einmal in der Woche gehen wir aus, genehmigen uns alle möglichen Vergnügungen, schauen uns einen Trash-Film an und essen bis wir umfallen."

TIPP

A Harlots Progress Nach Hogarths Bilderzyklus. Die Uraufführung findet am 13. Oktober um 19 Uhr statt. Vorstellungen bis 27. 10. Dirigent: Mikko Franck, Regie: Jens-Daniel Herzog, Mit Diana Damrau als Moll, Marie McLaughlin, Tara Erraught, Christopher Gillett, Nathan Gunn. Wiener Symphoniker, Arnold Schoenberg Chor, Leitung: Erwin Ortner. www.theater-wien.at

("Kultur Spezial" am Freitag, 04.10.2013)

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