Musiker, die nicht hören können

Der Zugang zur Musik bleibt Menschen mit Behinderung oft verschlossen. Doch auch einhändig, mit Downsyndrom oder sogar gehörlos kann man Herausragendes produzieren.

Junichi Kobayashi kann nichts hören. Das hindert ihn aber nicht daran, vor Publikum und gegen Bezahlung auf einem Klavier zu spielen.
Junichi Kobayashi kann nichts hören. Das hindert ihn aber nicht daran, vor Publikum und gegen Bezahlung auf einem Klavier zu spielen.
Junichi Kobayashi kann nichts hören. Das hindert ihn aber nicht daran, vor Publikum und gegen Bezahlung auf einem Klavier zu spielen. – FELIX LILL

Bravo!“, ruft ein Herr aus der Ecke, gerade als Applaus ausbricht. Junichi Kobayashi dreht seinen Kopf über die rechte Schulter Richtung Publikum, beginnt zu lächeln. Er sieht zufrieden aus. Aber hat er das, was ihm entgegengerufen wurde, auch gehört? „Nein“, wird er später erklären. „Ich merke aber, ob die Zuschauer zufrieden sind.“ Kobayashi hat sein Lieblingsstück gespielt, „La Campanella“ von Franz Liszt. Wenn er ein Stück liebt, dann kann er auch seine Zuhörer begeistern, sagt er. „Ich mag es, weil es so viele verschiedene Stimmungen und Geschwindigkeiten ausdrückt.“

Junichi Kobayashi entspricht jedem Klischee einer Musikerseele. Wenn er spricht, wirkt er so elegant und sanft, wie wenn er am Flügel sitzt, in seinem Element. Die Hände sind zart, seine Stimme dünn. Die schulterlangen Haare reichen beinahe auf seinen Frack, den er zu Auftritten so gern trägt. Eine Stärke, die die meisten Musiklehrer für unabdingbar halten, hat er nicht: das Gehör. „Die Musik höre ich nicht, aber ich spüre sie“, sagt er. Melodien und Tempi nimmt Kobayashi über Vibrationen in Händen und Beinen wahr. Nur einige mittelhohe Töne kann er mit Hörgerät hören.

Bei der Generalprobe am Mittwoch in der österreichischen Botschaft in Tokio hat es funktioniert. In der kommenden Woche werden er und knapp 50 weitere Musiker mit Behinderung in Wien auftreten. Der Welthauptstadt, wie der 25-jährige Kobayashi sagt. „Ich bin sehr aufgeregt. Liszt hat viel in der Stadt gespielt, und ich kann ihn dort interpretieren.“ Es wird das dritte Mal sein, dass die Musikerwelt zu den Piano Paralympics zusammentrifft. Zum ersten Mal findet die dreitägige Veranstaltung in Wien statt.

„Es war mein Traum, das Festival dorthin zu bekommen“, sagt Tokio Sakoda. Der Klavierprofessor der renommierten Tokioter Musashino Musikakademie ist der Urheber der Idee, Pianisten mit Behinderung auf diese Weise zu fördern. Bis heute hat Sakoda über 1000 Schüler ausgebildet, Pianisten mit einer Behinderung stechen aber oft heraus, findet er. „Viele Schüler, die irgendeine Beeinträchtigung haben, sind ambitionierter“, erklärt Sakoda, der vor 50 Jahren an der Wiener Musikhochschule studierte. „Oft üben sie daheim mehr und vertiefen sich richtig in die Stücke.“

Seit zehn Jahren veranstaltet Sakoda nun solche Konzerte, deren Konzept bisher beispiellos ist. Weltweit sind Menschen mit Behinderung häufig vom Musizieren ausgeschlossen. „Höchstens blinde Musiker kommen in der Szene vor, aber weiter geht es eigentlich nicht“, sagt Sakoda. „So entgleiten uns aber Talente. Die Musik hat man nicht nur in den Fingern oder Ohren. Der Charakter ist auch entscheidend.“ Keine Art von Behinderung sei ein zu großes Hindernis, sie könne gewissermaßen sogar eine Chance sein, als Ansporn dienen, glaubt Sakoda.


Zugang zum Arbeitsmarkt.Saori Tsukiashi hätte etwa kaum jemand zugetraut, die „Étude Op. 10 No. 12“ von Frédéric Chopin zu spielen. Die 36-Jährige kann nur eine Hand einsetzen, die wiederum wegen einer Lähmung durch eine Schiene gestützt wird. Falls sie ihre Hände irgendwann nicht mehr unter Kontrolle haben sollte, wird die Musik Tsukiashi aber noch beruflich helfen. Ihr Einkommen verdient sie sich seit Jahren als Klavierlehrerin für Kinder.

Tsukiashi und auch Kobayashi, der für Auftritte Gagen kassiert, haben durch die Musik schon mehr erreicht als bloßes Musizieren. Sie haben Zugang zu dem ihnen sonst weitgehend verschlossenen Arbeitsmarkt erhalten. Wie überall auf der Welt sind auch in Japan Menschen mit Behinderung selbst dann im Berufsleben benachteiligt, wenn es ihre Beeinträchtigung eigentlich nicht rechtfertigte. Eine Behinderung senkt nicht nur die Chancen auf eine Beschäftigung, sondern auch das Gehalt und die Wahrscheinlichkeit einer Beförderung beträchtlich.

„Musik ist oft der einzige Weg zum Erfolg“, glaubt Tokio Sakoda. „Jobs in anderen Bereichen kriegen viele einfach nicht, aber am Klavier können sie eben wirklich gut sein.“ Mehrere seiner Schüler treten in Cafés oder Restaurants auf und verdienen Geld. Erklärtes Ziel des Klavierfestivals ist auch, auf diese Musiker aufmerksam zu machen, um schließlich deren Engagements zu verbessern. Einige Musikprofis mit Behinderung gibt es schon, ihre Anzahl ist bisher aber überschaubar.


Keine Nervosität. Manchmal hilft die Musik sogar beim Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt. Der 22-jährige Rintarou Suzuki, der mit Downsyndrom geboren wurde und dessen rechter Arm mit einem Stumpf endet, hätte wohl nie einen Job bekommen, glaubt seine Mutter. „Als er sich in einem Café in Tokio als Kellner bewarb, war der Besitzer interessiert an Rintarous Musikkenntnissen.“ In Wien wird Suzuki Chopins „Étude Op. 10 No. 3“ spielen. Nervös sei er kaum. „Ich übe es seit zwei Jahren jeden Tag für zwei Stunden.“ Klavier spielt Suzuki seit dem elften Lebensjahr. Beruflich fühlt er sich aber in seinem Café wohl.

Junichi Kobayashi hingegen widmet sein Leben voll der Musik. Einige CDs hat er bereits produziert, Japans öffentlicher Rundfunk sendete eine Doku über ihn. Drei Stunden täglich übt er, seit er fünf Jahre alt ist. „Manchmal schaue ich mir andere Musiker auf DVD an – welche Tasten sie benutzen. Dann imitiere ich sie.“ An anderen Tagen trainiert er sein Gespür in Händen und Beinen für die Schwingungen durch die Töne. „Ohne Musik könnte ich nicht leben“, sagt Kobayashi, der in Gesprächen von den Lippen abliest.

Können Musiker mit starken Beeinträchtigungen genauso gut sein wie solche ohne? Peter Storer, Österreichs Gesandter für kulturelle Angelegenheiten in Tokio, ist sich nach dem Konzert sicher: „Wer seine Augen schließt und zuhört, wird von Behinderungen nichts mitbekommen haben.“ Tokio Sakoda sieht das so: „Einige Stücke sind bei bestimmten körperlichen Bedingungen einfach nicht zu spielen. Aber alles, was körperlich irgendwie möglich ist, können wir einstudieren.“ An der richtigen Einstellung mangle es jedenfalls keinem der Musiker.

Tipp

Unheard Voices. Vom 14. bis 16. November findet in der Wiener Minoritenkirche (1.,Minoritenplatz 2A) das dritte internationale Klavierfestival von Menschen mit Behinderung statt. 48 Musiker kommen aus 18 Ländern, 17 davon aus Japan, wo die Idee entstanden ist.

Tickets. Zählkarten per Mail unter unheard.notes@ambrosweb.com, Spenden zugunsten der Elterninitiative Kinderkrebshilfe werden entgegengenommen.

Beginn: Do: 15h, Fr: 9.30h, Sa: 9h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2013)

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