Hier weht Rudolf Nurejews Geist

Manuel Legris bittet einmal im Jahr zur Gala-Performance seiner Wiener Tanztruppe, die anschaulich demonstriert, dass sie international wieder konkurrenzfähig ist.

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Rudolf Nurejew gilt Wiener Balletomanen nach wie vor als Maßstab. Manuel Legris, Chef des Staatsballetts, beschwört nach der langen Phase der künstlerischen Vernachlässigung der Tanzkunst in der Wiener Staatsoper seit seinem Amtsantritt bewusst den Geist der russischen Tanzlegende. Eine Gala im Andenken an den Publikumsliebling, der in diesem Haus unzählige Male aufgetreten ist und das Repertoire mit choreografischen Arbeiten bereichert hat, markiert seit Beginn der neuen Direktion jeden Saisonabschluss – und zeigt, was die Compagnie leisten kann.

Um den hohen Anspruch zu demonstrieren, bittet man Solisten ausländischer Spitzentruppen zu Gastspielen. Diesmal kamen Stars aus Paris, London und Amsterdam. Und die Wiener Tänzer konnten auf staunenswerte Weise Paroli bieten.

Der Gala-Abend 2014 hob mit der „Valse fantastique“ aus Glasunows „Raymonda“ an, ein Musterbeispiel für Nurejews Vermächtnis. Der Künstler neigte dazu, Choreografien zu überladen und fand in dieser von Massenszenen umrahmten Nummer für sämtliche Beteiligten heikle Aufgaben, die zum Teil in atemberaubend dichter Bewegungspolyphonie ablaufen – und beim Wiener Ensemble in der derzeitigen Verfassung dennoch ungemein stimmig wirken.

Das folgende intime „Blumenfest in Genzano“ war eines von Nurejews Wiener Virtuosenstücken; es erlebte seine Premiere einst im Vorfeld der skandalumwitterten „Ulysses“-Premiere (zur avantgardistischen Klangkulisse Roman Haubenstock-Ramatis).

Schon damals galt der romantische Bournonville-Pas-de-deux dem Publikum als liebenswertes Intermezzo, angenehm verspielt und subtil modelliert diesmal von Ioanna Avraam und Dumitru Taran. Diesem geradezu unschuldigen Beziehungsspiel antworteten in der Folge gleich mehrere weitaus gefährlichere Dialoge zwischen Mann und Frau: Ganz keusch träumt sich die zauberhaft-biedermeierliche Eszter Ledan den „Spectre de la Rose“ herbei. Mihail Sosnovschi schwebt leise zum Fenster herein wie ein Blütenblatt, absolviert dann aber allerlei aufregend-anzügliche Walzervariationen.

 

Melancholische Déjà-vu-Effekte

Erinnerungen, melancholische Déjà-vu-Effekte schwingen bei Kiyoko Hashimoto und Denys Cherevychko mit, wenn sie Jerome Robbins' poetisch-schwermütige Chopin-Hommage „Other Dances“ gestalten. Isabel Ciaravola (Étoile der Pariser Oper) und Friedemann Vogel (Stuttgart) antworten mit dem Pas de deux aus Neumeiers „Kameliendame“, der sich aus zögerlichen Anfängen über kühne Hebefiguren zur selbstvergessen-ekstatischen Liebesszene steigert.

Der phänomenal sprungmächtige und zielsicher attackierende Mattthew Golding (Royal Ballet) gerät schließlich im „Schwanensee“-Fragment vollends in die Fänge der durchtriebenen Odile von Anna Tsygankova (Het Nationale Ballet): Faszinierend die Wandlungsfähigkeit dieser Künstlerin, die im Angesicht von Goldings viriler Virtuosität in Petipas freudig-sonnigen „Paquita“-Gran-Pas wahre Pirouetten-Feuerwerke abbrennt, um auch im Finale („Bayadère“) noch einmal die Stimmung an den Siedepunkt zu bringen; diesmal mit Liudmila Konovalova als ebenbürtiger Gegenspielerin.

 

16 Herren im „Schwanensee“

Zarter besaitet gaben sich Ketevan Papava und Roman Lazik zur Musik von Prokofieffs „Cinderella“, kraftvoll reüssierten die Herren in der (ebenfalls der Pariser „Schwanensee“-Version Nurejews entnommenen) Polonaise, die ohne Damen auskommt: ein beeindruckender Pas de seize als klassisches Gegenstück zur modernen Männertrio-Gelenkigkeitsübung Jiři Bubeneks: Roman Lauzik, Masayu Kimoto und Eno Pci verbogen sich in alle möglichen und unmöglichen Richtungen um die Melodie des Pachelbel-Kanons. Sinn für harmonischen Gleichklang, für das gemeinsamen Atmen mit der Musik haben die Tänzer bei Manuel Legris gelernt!

Energetische Soli lieferten Kirill Kourlaev und Denys Cherevychko. Hausherr Legris selbst zeigte in einem „Fledermaus“-Exzerpt, wie beweglich und präzis er selbst noch ist – vor allem: wie viel Humor er besitzt. Das Orchester befeuerte den langen Abend unter Valery Ovsianikovs tänzerfreundlichem Dirigat durchwegs con animo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2014)

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