Salzburger Festspiele: Nach der Niederlage ein Triumph der Kultur

Der Große Krieg war prägend für das Festival. Seine Gründung bot auch andere Mythen.

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE 'DON GIOVANNI'
SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE 'DON GIOVANNI'
(c) APA/FRANZ NEUMAYR

Der Erste Weltkrieg, der vor hundert Jahren ausbrach und bis zu seinem Ende 1918 an die 17 Millionen Opfer forderte, ist in diesem Jahr zentrales Thema bei den Salzburger Festspielen. Nächsten Dienstag hat das Riesendrama „Die letzten Tage der Menschheit“ Premiere, am Tag darauf gibt es die Uraufführung von „The Forbidden Zone“, das den Zusammenhang von Wissenschaft und Waffengängen herstellt. Im August kommt dann auch noch Ödön von Horváths Don Juan aus dem Krieg. Selbst Konzert und Oper sollen diesmal bellizistisch unterfüttert sein. Was aber hat das Festival mit diesem Krieg zu tun?

Tatsächlich gibt es eine enge Verbindung zwischen den 1920 gegründeten Salzburger Festspielen und der „Ur-Katastrophe“ des 20.Jahrhunderts. Aber die Geschichten um ihre Entstehung sind nicht alle zuverlässig. Hat sich die Bevölkerung nach all den Jahren der Entbehrung nach dem Wahren, Guten und Schönen gesehnt? Die Festspiele waren in breiten Kreisen gar nicht erwünscht. Man fürchtete nämlich, mit den Gästen, den Fremden, das wenige teilen zu müssen, das es damals gab. Die Politik musste hart um die Akzeptanz der Spiele bei Mangel an Brot kämpfen. Und auch ihr ging es wohl weniger um die Versöhnung im Zeichen der Kunst als um die Wiederbelebung des Tourismus. Heute nennt man das Umwegrentabilität.

 

Die Mozartlobby hatte kein Glück

Schon in den Jahrzehnten zuvor hatte die „Mozartlobby“, wie sie Johannes Honsig-Erlenburg dieses Jahr bei einem Salzburger Symposium in seinem Essay „Mozartkultur versus Festspielvision“ bezeichnete, um die endgültige Etablierung von Mozart-Festen mit einem eigenen Festspielhaus an der Salzach gerungen. Einige der Proponenten waren durchaus deutschnational, viele Anregungen stammten auch aus der Mozart-Gemeinde in Wien. Doch der Krieg kam dazwischen, auf die Monarchie folgte die Republik Österreich. Ein Paradigmenwechsel. Die 1916 gegründete Salzburger-Festspielhaus-Gemeinde gab sich nun nicht allein mit der Pflege des Werkes von Mozart zufrieden: Ihr Aufruf von 1919 betont bereits die europäische Kultur, das geplante Festspielhaus sei eine Angelegenheit „von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung, eine geistige Brücke zwischen Ost und West“.

Versöhnlich, den ganzen Kontinent im Blick, tönte damals auch bereits Hugo von Hofmannsthal, der neben Max Reinhardt, Franz Schalk und Richard Strauss zu den Gründungsvätern zählte. Die waren doch überzeugte Europäer – oder? Norbert Christian Wolf, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg, sieht das differenziert. Soeben ist von ihm ein Buch über die Gründung der Festspiele erschienen. „Eine Triumphpforte österreichischer Kunst“ heißt die Studie, die sich kritisch mit der Geschichte auseinandersetzt. Das Projekt der Gründer diente nicht so sehr dem Frieden, sondern hatte vor allem ökonomische Beweggründe. Es sollte nach dem verlorenen Krieg auch beweisen, dass Österreich wenigstens kulturell obenauf blieb – ein sehr enger Kulturbegriff also aus dem Rest, der nun Österreich hieß. Reinhardt und Hofmannsthal sahen sich in Konkurrenz zum großen Nachbarn, sie propagierten ein süddeutsches Projekt statt eines preußischen.

 

Der „bayrisch-österreichische Stamm“

Bereits im September 1918 lautete ihr Plan, „das, was in Bayreuth, gruppiert um ein norddeutsches Individuum, Wagner, geübt wird, hier um ein ungleich komplexeres und höheres Zentrum, die Kunst Österreichs, herumzubauen...“. Kurz nach dem Krieg, in seiner frühesten Programmschrift, schwärmte Hofmannsthal vom Festspiel-Gedanken als jenem „des bayrisch-österreichischen Stammes“. Die Gründung eines Festspielhauses „auf der Grenzscheide zwischen Bayern und Österreich ist symbolischer Ausdruck tiefster Tendenzen, die ein halbes Jahrtausend alt sind“. Der Dichter aus Wien sah einen „Kulturzusammenhang bis Basel hin, bis Ödenburg und Eisenstadt hinüber, bis Meran hinunter. Südlichdeutsches Gesamtleben tritt hier hervor...“. Diese Grenzziehung war damals schon passé.

NEUE BÜCHER ZU DEN FESTSPIELEN

Norbert Christian Wolf: „Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele“. Salzburg: Verlag Jung und Jung, 2014, 320 Seiten.

Michael Fischer (Hrsg.): „Die Salzburger Festspiele. Ihre Bedeutung für die europäische Festspielkultur und ihr Publikum.“ Salzburg: Verlag Anton Pustet, 2014, 192 Seiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2014)

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