Konzerthaus: Einsamer Flieger, Fortschritt und Ironie

„Der Lindberghflug“ von Brecht/Weill mit dem RSO Wien und Herbert Lippert, kommentiert von Armin Wolf und geleitet von Ernst Theis: eine sichere Landung.

Verruchtes Weib - Kurt Weill bei den Bregenzer Festspielen
Verruchtes Weib - Kurt Weill bei den Bregenzer Festspielen
Kurt Weill – (c) ORF

„Gegen Ende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung erhob sich unsere stählerne Einfalt, aufzuzeigen das Mögliche, ohne uns vergessend zu machen das Unerreichbare. – Diesem ist der Bericht gewidmet.“ Mit so klapperndem Fortschrittspathos endet das 1929 uraufgeführte und dann mehrfach umgearbeitete musikalische Hörbild „Der Lindberghflug“ von Bert Brecht und Kurt Weill – doch das glänzende ORF- Radio-Symphonieorchester Wien und die mitreißende Wiener Singakademie unter der feurigen Leitung von Ernst Theis ließen es am Freitag im Wiener Konzerthaus an hymnischem Nachdruck nicht fehlen.

Technische Innovationen haben selbstredend auch die Musikgeschichte verändert – und der Blick zurück lohnt sich auch dann, wenn die Erfindungen längst überholt sind. Dieser Tage etwa wird der Nachbau eines vor 200 Jahren Staunen erregenden Mechanischen Trompeters präsentiert, der aus der Werkstatt des Metronomerfinders Mälzel stammt: Am Wochenende wird der Musikautomat Märsche blasen – in zwei Konzerten, bei denen die Wiener Akademie unter Martin Haselböck Beethovens Siebte Symphonie und das Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“ am Uraufführungsort wiederholt, der Aula der Alten Universität. Würde es unser Beethoven-Bild über den Haufen werfen, besäßen wir einen Mitschnitt dieser Darbietung?

 

Brecht wollte Lindberghs Namen tilgen

Radioübertragung und Schallaufzeichnung sind seit ihrem Aufkommen Segen und Fluch zugleich für die Musik. Kurt Weill gehörte zu den ersten Komponisten, welche die umwälzende Bedeutung des Rundfunks erkannten– und Charles Lindberghs erste Alleinüberquerung des Atlantiks 1927 erschien als Sujet, das zum Medium ideal passte. Nach Weills „Berliner Requiem“ zum Weltkriegsgedenken 1928 begann also der „Lindberghflug“, wieder mit Brecht als Textautor, seine wechselvolle, von einigen Loopings geprägte Geschichte: 1950, kurz vor Weills Tod, wollte Brecht noch den Namen des Fliegers aus dem Werk tilgen, da Lindbergh mit den Nazis sympathisiert hatte – eine vom Komponisten nicht mehr ausgeführte Änderung, der „ZiB2“-Journalist Armin Wolf in der Sprechrolle des Berichterstatters mit einem Vorwort des Autors Rechnung trug. So durfte Herbert Lippert also Lindbergh „persönlich“ singen – und traf mit manchmal leicht unruhiger Tongebung die Nervosität und Anspannung des einsamen Aviators recht glaubhaft. Der Männerchor stellt sich ihm als Nebel im Stil einer Bach'schen Invention entgegen, die Frauen geben einen Schneesturm im Dreiertakt, der Schlaf verlockt als Basssolo mit sanftem Jazz...

Theis konnte im Verein mit RSO und Singakademie Weills bissig-nüchternen und doch überhöhenden Stil ebenso pointiert darstellen wie vor der Pause zwei intelligente kleine Sprösslinge aus seiner Liaison mit dem Musical, die ironisch gewürzte „Ballad of Magna Carta“ und „Down in the Valley“ mit dem sympathisch-tragischen Liebespaar Rainer Trost und Rebeca Olvera. Trotz nicht idealer Aussteuerung im Saal herzlicher Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2015)

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