Da sagt Dollfuß nur mehr „Bumsti!“

Otto M. Zykans skandalumwittert-bissige „Staatsoperette – Die Austrotragödie“ in einer Neufassung als düster-aktuelle Geschichtslektion – und mit gruseligen Puppen für die Politprotagonisten von Seipel bis Hitler.

Staatsoperette
Staatsoperette
(c) Bregenzer Festspiele

Es gibt keinen Provokateur. Es gibt nur Provozierte“, so resümierte der Komponist und Sprachkünstler Otto M. Zykan ein konzertantes Revival der „Staatsoperette“ 2000. Ab Mitte der 1970er-Jahre hatte Zykan mit dem Autor und Regisseur Franz Novotny zusammengearbeitet und Gesangstexte sowie Musik zu dessen gleichnamigem Fernsehspielprojekt beigetragen: einer satirisch überspitzten Aufarbeitung der Ersten Republik, von Bürgerkrieg, Ständestaat bzw. Austrofaschismus bis zum Anschluss.

Das Vorhaben wurde damals in einer „österreichischen Lösung“ verwirklicht, soll heißen: keineswegs zensuriert, sondern „nur“ zuerst durch Budgetkürzungen zurechtgestutzt und dann 1977 bloß ein einziges Mal gesendet. Das reichte für eine Welle der Empörung, die offenbar weniger vom tatsächlichen ORF-Publikum als von politischer, klerikaler und publizistischer Seite aufgepeitscht wurde – und das schon vor der Ausstrahlung. Der Salzburger Erzbischof Karl Berg etwa – derselbe, der 1987 George Taboris Festspielinszenierung von Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“ wegen eines kurzzeitig nackten Christus am Kreuz in der Kollegienkirche untersagte – wetterte von der Kanzel, die „Staatsoperette“ gleiche dem, „was in den zur Gottlosenpropaganda entweihten und in atheistische Museen umgewandelten Kirchen Russlands gezeigt wird“: In der Tat, Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel kommt nicht gut weg – wie freilich kein einziger Politiker, auch nicht die Sozialdemokraten.

 

Starhemberg geht am Stock

Man war „innerlich gleichgültig und äußerlich grob“, könnte man die damaligen Reaktionen mit einem Satz aus einem anderen zeitgeschichtlichen Schlüsselwerk zusammenfassen, Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“. Dabei hatte Zykan laut eigener Aussage ja „belastendes Dunkel aufhellen“ und „einen Beitrag zur Konfliktverminderung leisten“ wollen. Das mag stimmen oder eine verschmitzte künstlerische Pose gewesen sein. Sicher ist, dass die „Staatsoperette“ ein Schmerzenskind ihrer Schöpfer geblieben ist, und dass der 2006 verstorbene Zykan weiter an einer eigenen Fassung gearbeitet hat.

In ihrer nun bei den Bregenzer Festspielen als Koproduktion mit der Neuen Oper Wien uraufgeführten neuen Version „Staatsoperette – Die Austrotragödie“ gehen die Musikwissenschaftlerin und Zykan-Lebensgefährtin Irene Suchy sowie der Komponist Michael Mautner auf Zykan zurück und zugleich auch bewusst über ihn hinaus. Einfügungen aus seinem „Staatsoperetten“-Nachlass, eine reduzierte, aber wirkungsvolle Instrumentation und Verwendung anderer Zykan-Musik, Klarnamen statt Pseudonymen für das Personal auf dem politischen Parkett, zusätzliche weibliche Rollen (als „Die Rechte“ und „Die Linke“ führen zwei Frauen etwas bemühte Doppelconférencen) und ein heute wohl nötiger Kommentator (Stephan Rehm), der die Szenenfolge mit knappen Worten verbindet – all das rückt das Ganze aus der Nähe der politischen Farce wahlweise in Richtung eines düsteren Doku-Dramas oder jener Tragikomödie, als die man die österreichische Politik der 1930er-Jahre auffassen kann.

Fast unvermeidlich, dass ein am Stock gehender Starhemberg (Gernot Heinrich) erklärt, man werde sich noch wundern, was alles möglich sei – oder dass eine hier katholisch fundierte Berufung auf Volk und Gott so klingt, als sei sie gerade erst aus dem Türkischen übersetzt worden.

Die stärksten, ganz von selbst aktuell wirkenden Szenen sind aber andere. Nikolaus Habjans Puppen, bedient von den Sängern der jeweiligen Rollen, vollbringen die Paradoxie und reißen den historischen Figuren alle Masken herunter, die sie auf alten Fotos und in Filmaufnahmen noch tragen mögen. Wenn Kanzler und Diktatoren sich in bleichen, reptiliengleichen Klappmaulgesichtern verdoppeln, konzentrieren und offenbaren, wächst das szenische Geschehen über sich selbst hinaus – und wird wirklich unheimlich. Besonders einprägsam unter den meist in mehreren Partien eingesetzten Darstellern: der auch sängerisch scharf charakterisierende Camillo dell'Antonio, der als selbstgerechter Seipel salbadert („Ego me absolvo“), oder Hagen Matzeit, der seinen Countertenor dem kleinen Dollfuß leiht. Dessen Puppe hockt im Bürgerkrieg rittlings auf einer phallischen Kanone und begleitet jeden Schuss mit einem triumphierenden „Bumsti!“: Ein Zitat aus den „Letzten Tagen der Menschheit“.

 

Hitler grunzt nur mehr

Zitate tauchen auch in der Musik auf, Hymnen vor allem – obwohl Zykan noch viel öfter nur so tut, als spräche er in Anführungszeichen. Hitler wird zuletzt mit einem infernalischen Mix aus „Lustiger Witwe“, „Tristan“ und Badenweiler Marsch eingeführt und grunzt im „Gespräch“ mit Schuschnigg (Dieter Kschwendt-Michel) nur mehr, anstatt zu reden: eine Überzeichnung des Hynkel'schen Kauderwelschs in Chaplins „The Great Dictator“ und ein dramaturgisch kluger Kunstgriff. Dass nicht alle Pointen und Ideen von Text, der untadeligen Inszenierung (Simon Meusburger) oder der Bühne (Nikolaus Webern) in gleicher Weise zünden und aufgehen, stört den Abend nicht nachhaltig. Zusammen mit dem Ensemble legt sich der Wiener Kammerchor voll ins Zeug, und dass man im manchmal bunten Zuckerguss der Musik immer auch noch die starke Prise Zykan'schen Pfeffers herausschmeckt, dafür sorgt Walter Kobéra am Pult des Amadeus-Ensembles. Die gruselige Heimeligkeit, der anheimelnde Schauder von schmissigen und zugleich entlarvenden Nummern wie „Grüß Gott!“ oder dem Marschensemble, in dem sich im hiesigen Dialekt „Kultur“ und „Natur“ vielsagend auf „Ruhe“ reimen, enthält mehr subversive Kraft als jeder erhobene Zeigefinger.

In Bregenz gab es keine Provozierten, nur Begeisterte.

Reprisen: 4. 8. in Bregenz (Werkstattbühne), von 13. bis 18. 9. in Wien (Theater Akzent).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2016)

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