Carinthischer Sommer: ,,Jesu Wiedervermählung“ gelang!

Gottfried von Einems Mysterienoper ,,Jesu Hochzeit“ führte 1980 zu einem legendären Theaterskandal. Lotte Ingrischs Libretto hatte offenbar keiner gelesen.

Natürlich ist die Zuneigung Maria Magdalenas zu Jesus erotisch konnotiert: Boris Grappe und Annette Schönmüller in „Jesu Hochzeit“ beim Carinthischen Sommer in Ossiach.
Natürlich ist die Zuneigung Maria Magdalenas zu Jesus erotisch konnotiert: Boris Grappe und Annette Schönmüller in „Jesu Hochzeit“ beim Carinthischen Sommer in Ossiach.
Natürlich ist die Zuneigung Maria Magdalenas zu Jesus erotisch konnotiert: Boris Grappe und Annette Schönmüller in „Jesu Hochzeit“ beim Carinthischen Sommer in Ossiach. – (c) Ferdinand Neumüller

Theater an der Wien 1980: Vor dem Haus singt man Litaneien, lässt Seiten des Librettos über den Naschmarkt flattern, drinnen wirft man sie zerknüllt – nebst Stinkbomben! – von der Galerie, während man mit Geschrei und Pfiffen einen Abbruch der Vorstellung zu erzwingen versucht. Was auf den zum Wurfgeschoss gewordenen Seiten steht, hat offenkundig keiner der Protestierenden gelesen. Sonst müsste der Aufruhr sogleich in sich zusammenbrechen.

„Jesu Hochzeit“ ist nämlich, man weiß es seit der Premiere in Ossiach am vergangenen Samstag, ein geradezu frommes Stück. Dass es sich zum Teil, vor allem in den Szenen zwischen Josef und Maria, die Fredrika Brillembourg und Dan Paul Dumitrescu zu komödiantischer Wirkung bringen, einer bäuerlich-derben Sprache bedient, hat es mit alten geistlichen Erbauungsspielen gemein, die den Abstand zwischen der geistlichen Handlung und dem Auditorium so gering wie möglich zu halten suchten.

In einer Zeit, in der die Halb- bis Viertelbildung fröhliche Urständ feiert, fühlt sich manch einer von solcher schriftstellerischen Attitüde provoziert, vielleicht weil er sich entlarvt dünkt. Kann er die vielen Bibel-Zitate, die Ingrisch in gekonnt naiver Anverwandlung in ihren Text einbaut, zuordnen? Trifft ihn der Nachklang wie ein Déjà-vu? Ist das nicht alles in den entsprechenden Stationen der Evangelien, des Kreuzwegs – oder hie und da im alttestamentarischen Bericht von der Versuchung der ersten Menschen durch die Schlange nachzulesen? Sind es nicht fundamentale Momente der Frohbotschaft, die hier in einer Art modernem Passionsspiel auf die Bühne gebracht werden?

Und vor allem: Wo wird die christliche Glaubenslehre verzerrt oder gar desavouiert? Durch die Tatsache, dass der Tod – wie im Französischen oder im Italienischen – zur „Tödin“ wird, der Ursula Hesse von den Steinen imposante Gestalt verleiht? Dass die erotische Konnotation der Zuneigung Maria Magdalenas (durchaus sirenenhaft: Annette Schönmüller) zu Christus thematisiert wird?

Und der Kreuzestod als Vermählung von Liebe und Tod, ist das nicht die Erlösung?

Vielleicht ließe sich zynisch anmerken, es hätte sein Gutes, dass damals kein Mensch auf die Idee kam, über die Musik zu streiten. Die eigentliche Entdeckung der Premiere in Ossiach ist – nachdem sich alle Rauchwolken der inhaltlichen Diskussion, die keine war, verzogen haben – die Partitur.

Im musikhistorischen Kontext hätten wir sie 1980 alle miteinander wohl der rettungslos rückschrittlichen Geisteshaltung geziehen, einer, die mit abgestandenen, verbrauchten Mitteln das Auslangen zu finden glaubte, wo doch die Avantgarde längst bei der völligen Auflösung sämtlicher harmonischenStrukturen gelandet war.

Die Initialzündung der Postmoderne

Heute lässt sich behaupten: „Jesu Hochzeit“ zementierte Einems präzis 20 Jahre zuvor mit der „Philadelphia Symphony“ formuliertes, radikal unzeitgemäßes künstlerisches Credo und markierte ebenso präzis eine historische Wende, deren Endgültigkeit damals gar niemand zu erkennen vermochte: Genau genommen, lässt sich diese Oper nämlich als illustre Initialzündung der sogenannten Postmoderne begreifen.

Jedenfalls ist sie, das wissen wir seit Samstag dank der souveränen musikalischen Einstudierung durch Jonathan Stockhammer, ein lebendiger Beweis für die Möglichkeit, mit den Mitteln von Dur und Moll noch knappe, klare, aber doch im Wortsinn unerhörte Aussagen zu machen. Knallharte Aussagen sogar, die sich in den besten Momenten des Werks, in der Erweckung des Lazarus (mit der intensiven Julia Koci) oder dem vom Kärntner Symphonieorchester und dem Chor des Klagenfurter Stadttheaters messerscharf artikulierten Kreuzweg, geradezu atemberaubend verdichten.

Der Stiftshof wird zu Golgatha

Weil endlich niemand mehr aus dem Off revoltiert und stört, und weil Regisseurin Nicola Raab die holzschnittartige Strenge von Text und Musik szenisch umzusetzen weiß, wird aus Knappheit und vollkommener Kontrolle starkes Theater, am stärksten, wenn sich Tisch und Bänke (Bühne: Anne Maria Legenstein) in ein Riesenkreuz verwandeln, das Jesus (der mit ausdrucksvoll-weichem Bariton singende Boris Grappe) an roten Riesengurten schleppen soll – der klug als Spielfläche ausgelotete Stiftshof wird mir nichts, dir nichts zu Golgatha. Der Chor bekräftigt es mit wenigen, aber markerschütternden Rufen.

Gottfried von Einem ist in diesem Augenblick seiner nach „Dantons Tod“ vielleicht stärksten Musiktheater-Komposition nah an der chthonischen Wirkungsmacht seiner Brecht-Kantate „Stundenlied“, in der er schon einmal, nicht minder eindrucksvoll, dasselbe Thema behandelt hat: Auch Lotte Ingrisch führt uns ja charakteristische Szenen von der Verkündigung (der Engel des Herrn: Marcel Beekman) über die Vertreibung der Wucherer aus dem Tempel bis zum Kreuzestod vor Augen – deren Gehalt kann den, der sich nicht aus bigottem oder zwanghaft atheistischem Vorurteil dagegen sperrt, mit bewegender Unmittelbarkeit treffen.


[MN9YA]

(Print-Ausgabe, 08.08.2016)

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