Dantes Wind verwehte den Fluch

Die Welturaufführung von Mercadantes „Francesca da Rimini“ in Apulien wurde zu einer Sternstunde der Opernwelt. Pier Luigi Pizzis Produktion wäre auch in Salzburg ideal.

Francesca da Rimini
Francesca da Rimini
Atemberaubend bravourös: die junge Spanierin Leonor Bonilla als Francesca da Rimini. – Festival della valle d'Itria

„Erstaufführungen in modernen Zeiten“ ist man ja mittlerweile gewohnt vom Festival della Valle d'Itria in Martina Franca (Apulien). Aber die Welturaufführung einer vor 185 Jahren geschriebenen Oper? Und doch durfte man dort eines solchen raren Ereignisses teilhaftig werden. Durch einen glücklichen Zufall wurde 2011 zuerst in Madrid und dann in Bologna das Manuskript bzw. das Autograf von Saverio Mercadantes Oper „Francesca da Rimini“ entdeckt, die aus bis dato nicht ganz geklärten Gründen (wahrscheinlich aufgrund von Primadonneneitelkeiten) damals (und bis jetzt) nie das Licht der Bühne erblickt hat.

Der künstlerische Leiter des Festivals, Alberto Triola, wollte ursprünglich Riccardo Muti, der sich ebenfalls für das Werk interessiert hatte, den Vortritt lassen, doch in Salzburg entschied man sich dann lieber für „I due Figaro“ desselben Autors. Sodass nunmehr Martina Franca, dieses idyllische, kleine, weiß gekalkte Städtchen in Südapulien, doch noch zum Ius primae noctis kam.

Die Entscheidung dafür ist in mehrfacher Hinsicht von einem Löwenmut beseelt: Nicht nur birgt ein total unbekanntes Werk eines (bei allen Erfolgen zu Lebzeiten) derzeit nicht wirklich populären Komponisten für ein kleines, nicht gerade auf finanziellen Rosen gebettetes Festival ein beträchtliches finanzielles Risiko. Darüber hinaus wird dem im benachbarten Altamura geborenen Mercadante – kein Mensch weiß, warum – die Eigenschaft eines Iettatore (Unglücksbringers) zugeschrieben, sodass sich süditalienische Männer bei bloßer Nennung seines Namens mit der rechten Hand an die Familienjuwelen greifen (um das „böse Auge“ abzuwehren) und süditalienische Frauen an die linke Brust.

 

Zwischen Rossini und Verdi

In den letzten Vorbereitungswochen schienen die Befürchtungen auch wahr zu werden: die (extrem schwer zu ersetzende) Titelrollensängerin erkrankte, bei der Generalprobe zog (nur über dem Spielort, das Umfeld blieb wolkenlos) ein furchterregendes Gewitter auf, usw. usf. Die Premiere am 30. Juli (historisches Datum!) hingegen gestaltete sich zum einhelligen, selbst von kritischsten Geistern neidlos anerkannten Triumph.

In dieser Sternstunde passte alles zusammen. Zuvörderst natürlich Saverio Mercadantes (1795–1870) großartige, die stilistische Lücke zwischen Rossini und Verdi hochkultiviert und hochkomplex ausfüllende Musik. Fabio Luisi erweckte sie mit dem Orchestra Internazionale d'Italia präzise und empathisch zu blühendem Leben. Die von Talentscout Triola entdeckten jungen Sänger und Sängerinnen erschufen sich ihre vorbildlosen Rollen selbstbewusst und souverän, ohne je Nachsicht in Hinblick auf ihr Alter oder ihre möglicherweise mangelnde Erfahrung zu erheischen. Vor allem die beiden Liebenden, Francesca (die Spanierin Leonor Bonilla) und Paolo (die Japanerin Aya Wakizono), bewältigten ihre gefühlte 20 Minuten dauernden Arien (großartiger formaler Rückgriff auf bzw. sogar Übertreibung von Barock-Traditionen) mit atemberaubender Bravour. Der türkische Tenor Mert Süngü (als der „böse“ Ehemann Lanciotto) stand ihnen (wenn auch bei kürzeren Einsätzen) um nichts nach.

Die größte Überraschung des Abends war aber vielleicht die Inszenierung (und das Bühnenbild und die Kostüme) von Pier Luigi Pizzi. Der Großmeister der italienischen Opernregie ist eher für Ausstattungsorgien (mit neoklassizistischen Pappmaschee-Nachbildungen von Renaissance-Palästen) und kunstgewerblich gefällige Arrangements der Protagonisten bekannt als für Beschränkung auf das Wesentliche und psychologische Personenregie. Mit „Francesca“ in Martina gelang ihm in einem Anfall von Altersminimalismus auf wunderbare Weise – und in völliger Umkehrung seines bisherigen erfolgreichen ästhetischen Koordinatensystems – ebendiese.

 

Höllische Atmosphäre

Seine Ausgangsidee ist ebenso einfach wie genial: Die tragische (und auch von Tschaikowsky und Zandonai vertonte) Geschichte von Paolo und Francesca ist bekanntlich ursprünglich vom italienischen Nationaldichter Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ überliefert worden. Die beiden schmoren unter den Lüsternen in der Hölle, und ihre Schatten werden an Dante und seinem Führer Vergil „vom Wind leicht vorbeigetragen“. Klugerweise verbindet Pizzi dieses Bild mit den meteorologischen Gegebenheiten im Innenhof des Palazzo Ducale. Dort herrscht nämlich immer eine kleine Windhose vor (was die Einheimischen auf die schlechten Taten ihres ehemaligen Herzogs zurückführen). Somit erspart er sich (und dem Festival) jegliches Bühnenbild (was ihm dadurch erleichtert wird, dass die Rückseite des Palazzo ohnehin Pizzi'sche Renaissance-Bühnenbilder – allerdings aus echtem Stein – zu imitieren scheint) und lässt nur ein paar schwarze Tücher von den Seitenportalen im unentwegt wehenden Wind herumflattern, um eine höllische und beunruhigende Atmosphäre zu erzeugen. Die restliche Dramaturgie ist seinen wie immer farblich und stofflich höchst raffinierten und eleganten Kostümen vorbehalten – und den Bewegungen der Darsteller, die wie von einem allgegenwärtigen Taifun auf die Bühne ihres Unglücks – auch gegen ihren eigenen Willen – hinein- und wieder hinausgeweht werden.

Unglaubliche Bilder, unglaubliche Eindrücke, unglaubliche Emotionen. Wenn es in der Opernwelt mit rechten Dingen zuginge, müsste Mercadantes Meisterwerk stante pede zum Klassiker mutieren. Und Salzburg wäre gut beraten, sein ehemaliges Versäumnis nachzuholen. In der Felsenreitschule zum Beispiel könnte man sich Pizzis Produktion nahezu 1:1 wunderbar vorstellen. Das Beste an der apulischen Sternstunde ist allerdings, dass man offenbar in Hinkunft den Namen des angeblichen Iettatore wird aussprechen können, ohne sich primäre oder sekundäre Geschlechtsteile zu berühren. Dantes Wind scheint nicht nur Mercadantes Fluch verweht, sondern auch dem Festival von Martina Franca großes Glück gebracht zu haben . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2016)

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