„Die Zauberflöte“ fegt kurz das Musical hinweg

Das neue „Schikaneder“-Musical im Raimund-Theater ist eine charmante Schmonzette und perfekt einstudiert. Mark Seibert, Milica Jovanović, Katie Hall begeistern.

FOTOPROBE: 'SCHIKANEDER'
FOTOPROBE: 'SCHIKANEDER'
FOTOPROBE: 'SCHIKANEDER' – APA/HERBERT NEUBAUER

Wie lautet die Übersetzung von „Think big“? „Träume groß!“ Fürwahr. Im Wiener Raimund-Theater wurde Freitagabend „Schikaneder“ uraufgeführt. „Die turbulente Liebesgeschichte hinter der Zauberflöte“ verursachte teils Begeisterung, teils entrüstetes Kopfschütteln beim Publikum. Jungen Leuten könnte das neue Musical gefallen, folgt es doch TV-Telenovelas wie „Sturm der Liebe“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

Das Theater auf der Wieden ist pleite, Prinzipalin Eleonore bekommt als Frau keine Betriebsgenehmigung. Als Retter in der Not will Eleonores Freundin Barbara dieser ihren Exmann, Emanuel Schikaneder, unterjubeln. Eleonore tobt und erzählt dem Ensemble, das um seine Jobs bangt, ihre Geschichte.

In Innsbruck lernte sie als junge Schauspielerin Joseph Johann Schikaneder kennen, der sich in Emanuel umbenannte, weil das besser klingt. Die beiden verliebten sich – und hatten große Erfolge auf der Bühne, bevor sie sich wegen Emanuels Affären zerstritten. Eleonore verließ ihren Mann und ging mit dem schüchternen, schwächlichen Johann Friedel nach Wien – wo dieser verblich.


Rosenkrieg. Unter sorgfältiger Vermeidung der „Zauberflöte“ ein Musical rund um deren Librettisten und ersten Papageno, Schikaneder, zu bauen ist nicht einfach. Zu erleben ist ein Rosenkrieg, wie wir ihn eben wieder in den Klatschspalten gierig verfolgen dürfen: Brad! Angelina! Wiens städtisch finanzierte Vereinigte Bühnen haben keine Kosten und Mühen für „Schikaneder“ gescheut. Sie sind diesmal mit mehr Fortüne unterwegs als zuletzt etwa mit der eher schauerlichen „Evita“.

Einige edle angelsächsische Veteranen des Musicalgenres wurden für die Novität aufgeboten: Stephen Schwartz, 1948 in New York geboren, schrieb Lieder und Songtexte; der 76-jährige Trevor Nunn, jüngster und am längsten dienender Intendant der Royal Shakespeare Company, aber auch Partner von Musicalkönig Andrew Lloyd Webber, inszenierte „Schikaneder“. Und Wiens Musicalintendant Christian Struppeck verfasste, angeblich ohne Extrahonorar, das Buch. Die Musik plätschert dahin, die Geschichte ist herzig, die Inszenierung perfekt – was auch für die musikalische Leitung von Koen Schoots gilt. Die Besetzung ist bestens bis Durchschnitt.


Dreiste Ehestörung. Es ist immer wieder schwer, Akteure zu finden, die Singen, Spielen und Tanzen in gleichwertiger Spitzenqualität beherrschen. Der Frankfurter Mark Seibert ist großartig als Schikaneder, ein eitler und liebenswerter Beau, der keinen Flirt auslassen kann, sogar mit einer Fürstengattin ins Bett hüpft und großspurig Versprechen gibt, die er nicht einhalten kann.

Milica Jovanović spielt die leidgeprüfte Eleonore, die erst im zweiten Teil mit „Mein Lied“ ihren großen Auftritt hat. Katie Hall begeistert stimmlich und spielerisch als dreiste Soubrette, die mit Schikaneders Baby im Bauch die perplexe Eleonore aufklärt, wie sie ihr den Mann wegschnappen wird. Er macht aber nicht so richtig mit. Viele Figuren wie die Sängerin Josepha Hofer, Schikaneders Rivale Marinelli oder der Finanzier Bauernfeld sind übrigens authentisch. Man bekommt einen spannenden Einblick, wie Theater im 18. Jahrhundert funktioniert hat. Als riskantes Riesengeschäft.

Anthony Ward, auch er ein berühmter Oldie der Branche, entwarf Bühne und Kostüme. Er baute eine tolle barocke Wunderkammer mit Scheinarchitektur und Ballonprojektion. Mozart selbst tritt nicht auf. Von ihm, dem versoffenen Spieler, ist bloß die Rede. Tatsächlich war er damals bereits ziemlich berühmt.

Er starb bald nach der „Zauberflöte“-Uraufführung 1791. Mit den gewaltigen Einnahmen baute Schikaneder das Theater an der Wien. Einmal gegen Schluss der Aufführung erklingt eine Passage aus der „Zauberflöte“, die wie eine riesige, sanfte Woge das ganze „Schikaneder“-Getue und Gedudel hinwegschwemmt. Trotzdem: ein netter Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2016)

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