Mit Currentzis Beethoven neu entdecken

Der griechische Dirigent brach mit der Camerata Salzburg im Wiener Konzerthaus mit Hörgewohnheiten.

MOSCOW RUSSIA JULY 2 2016 Artistic director of Perm Opera and Ballet Theatre conductor Teodor
MOSCOW RUSSIA JULY 2 2016 Artistic director of Perm Opera and Ballet Theatre conductor Teodor
Teodor Currentzis – (c) imago/ITAR-TASS (imago stock&people)

Ein gewiefter Koch versteht es, die Geschmacksnerven mit einem Gericht auf das nächste vorzubereiten. Konzertprogramme funktionieren ähnlich: Wie man ein Stück hört, hängt auch davon ab, was unmittelbar davor erklungen ist. Und da ist, ob beabsichtigt oder nicht, Teodor Currentzis am Dienstag im Wiener Konzerthaus ein Coup gelungen: An den Anfang hatte er Wagners „Siegfried-Idyll“ gesetzt. Für sich genommen war die Interpretation, mehr Idyll als Siegfried, gewöhnungsbedürftig. Currentzis zeichnete mit der Camerata Salzburg das Stück zwar transparent bis in feinste Verästelungen, verlor sich aber ein wenig im Filigranen und ließ es an entscheidenden Stellen an der dynamischen Zuwaage fehlen. Doch mit der Absage an das romantische Klangbad kreierte er eine meditative Atmosphäre, aus der heraus die Exposition von Beethovens erstem Klavierkonzert wie eine Offenbarung emporstieg. Currentzis nahm ein flottes Tempo, doch das allein war es nicht. Er schien jede Phrase um einen Sekundenbruchteil vorzuziehen, womit dieses Allegro ungeahnte Zugkraft und Dringlichkeit erhielt. Wie aufregend neu kann ein Werk klingen, zu dem scheinbar alles gesagt ist.

 

Melnikov evoziert Hammerklavier

Mit Hörgewohnheiten zu brechen, darauf versteht sich auch Alexander Melnikov, der auf dem Flügel die klangliche Anmutung eines Hammerklaviers evoziert hat. Manch eigenwilliges Rubato des Solisten hemmte aber mitunter den Spielfluss und konterkarierte Currentzis Vorwärtsdrängen. Diese Rastlosigkeit, die den ersten Satz so aufregend machte, beraubte den zweiten, theoretisch ein Largo, seiner Ruhepol-Funktion. Am Ende gab es viel Jubel für Melnikov, der sich mit einer überpedalisierten Nr. 2 aus Brahms' Klavierstücken Opus 116 bedankte.

Nach der Pause Currentzis' nächster Coup: Er preschte mit den ersten Takten von Mendelssohns „Italienischer“ in den Auftrittsapplaus hinein, was dem Satz gleich den passenden revolutionären Gestus mitgab. Auch bei Mendelssohn eröffnete er neue Perspektiven, indem er immer wieder versteckte Holzbläserlinien herauspräparierte. Es waren oft nur Details, etwa das Aufwerten das Fagotts gegenüber dem Horn im dritten Satz. Details aber, die in Summe ein neues Hörerlebnis bewirkten. Weil, wie Currentzis erklärt hat, auf diese Symphonie nichts wirklich passt, hat er mit der Zugabe den größtmöglichen Kontrast gesetzt: Kontemplatives von Arvo Pärt, bei fast verdunkeltem Saal. Die Einladung, danach auf Applaus zu verzichten, wurde leider nicht angenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2016)

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