Wien modern: Visionen, Nachtstücke, Spätwerke

Cerha, Lentz, Dallapiccola und Mahler im Musikverein.

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Themenbild: Musikverein – (c) Clemens Fabry

Wuchtig-düstere Blechklänge hallen über Lautsprecher durch den Goldenen Saal – und rufen sogleich den hinkenden Rhythmus vom Beginn der 9. Symphonie Gustav Mahlers in Erinnerung: Bernstein hat ihn wohl allzu konkret verstehen wollen, als er ihn zum Symbol für die Herzschwäche des Komponisten erklärte. Aber hier, in „Jerusalem (after Blake)“ von Georges Lentz, scheint die Assoziation mit Vergänglichkeit im Allgemeinen und mit Mahler im Besonderen richtig. Der unregelmäßige Schlag setzt eine Entwicklung in Gang, die einer archaischen Prozession gleicht. Sie zieht an manch altbekannter Station vorüber: Die Blechchoräle des Mystikers Messiaen, die erhabene Strenge in „Rituel“ von Boulez oder die Seufzer aus Bergs „Wozzeck“, das alles und noch mehr klingt herein. Inspiriert von William Blake beschwört Lentz Jerusalem zugleich als Stadt himmlischer Verheißung und irdisches Jammertal voller Hass und Krieg. Am Ende lassen die auf dem Stehplatz postierten Blechbläser und Schlagzeuger ihre Smartphones spielen: das ferne Echo des Beginns, als Hommage an die Passagiere des 2014 verschwundenen Fluges MH 370.

 

Hochbegabt: Dirigent Duncan Ward

Nachtstücke, Spätwerke, apokalyptische Visionen, die Lockung des Jenseits und wehmütiges Totengedenken: Beim Claudio Abbado gewidmeten Konzert des RSO Wien ging Wien modern wieder ausdrücklich den „Letzten Fragen“ nach – gleich eingangs mit Luigi Dallapiccolas „Three questions with two answers“, das den expressiven Tonfall der klassischen Moderne fortführt. Der hochbegabte Brite Duncan Ward war kurzfristig für Emilio Pomárico eingesprungen und konnte das Orchester mit klarer Zeichengebung zu immer wieder großer Emphase anstacheln – zuletzt auch im Finale aus Mahlers Zehnter (in Deryck Cookes Aufführungsversion der unvollendeten Symphonie).

Am stärksten wirkten Werk und Interpretation jedoch bei Friedrich Cerhas „Nacht“ zusammen: Pittoreskes Notturno und Seelengemälde zugleich, entfaltet das Stück eine wie mit geschärften Sinnen wahrgenommene Über-Nacht, in der sich Schatten regen und schemenhafte Melodien schlängeln, aber auch Sternschnuppen mit donnernden, knatternden Klangkaskaden niederstürzen. Gegen Ende, vielleicht die Zeit der Dämmerung, dringen wie von fern konkretere Naturlaute ans Ohr des Schlaflosen; Getier meldet sich, stimmt Gesänge der Früh an. Musik ohne Handlung und doch voll erzählerischer Kraft: große Begeisterung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2016)

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