Bach ist nicht Philippe Jordans Kragenweite

„Weihnachtsoratorium“ im Wiener Konzerthaus: ein Marketingerfolg. Das Beste kam erst danach.

ARCHIVBILD: PHILIPPE JORDAN WIRD AB 2020 MUSIKDIREKTOR DER WIENER STAATSOPER
ARCHIVBILD: PHILIPPE JORDAN WIRD AB 2020 MUSIKDIREKTOR DER WIENER STAATSOPER
Philippe Jordan – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

Das Faszinierende an Zugaben ist nicht zuletzt, dass sie mitunter aufregender und spannender sein können, als das offizielle Programm davor. „Jauchzet, frohlocket“, der Eingangschor von Bachs 1. Weihnachtskantate ließ am Samstag im Konzerthaus die Publikumsherzen ergriffen höher schlagen, als Symphoniker-Chef Philippe Jordan nach Weihnachtswünschen diese Jubelmusik in den Saal schmettern ließ. Ende gut, (fast) alles gut.

Vertragen sich doch der wienerische Musizierstil und die Werke des deutschen Protestanten nicht friktionsfrei miteinander. Der Schweizer Philippe Jordan, der sonst geschickt mit Strategie und Struktur sein Programm absteckt (Schubert, Beethoven, Berlioz), wählt bei Bach einen Mittelweg mit herkömmlichem Instrumentarium. Das ergibt wie bei einer Fremdsprache einen Jargon, für den alle brav Vokabeln gelernt haben, die Syntax (Tempi und Artikulation) aber weniger abgesichert ist. Dafür begann Jordan vor Jahren wenig verheißungsvoll mit den großen Oratorien; das „Weihnachtsoratorium“ sollte im Jahresabstand, getrennt nach Spielhälften, Adventstimmung provozieren.

 

Alles sehr erdverbunden

Theorie blieb Theorie. Jordan erkrankte im Vorjahr, Stefan Gottfried sprang drei Minuten vor zwölf ein und legte einen Katapultstart für seine Concentus-Karriere hin. Da lag die Latte sehr hoch, ehe Jordan nun mit den Kantaten 4 bis 6 zum Zug kam. Mit Vehemenz, Disposition und reichem gestischen Vokabular überspielte er, dass Bach nicht unbedingt seine Kragenweite ist. Er kommt eher vom Theater, da stimmen dramatische Szenen wie ein Arioso zwischen Sopran und Bass oder die berühmte Echo-Arie eher als des Volkes Stimme in den gottesfürchtigen Chorälen. Der Ton der Offenbarung von Christi Geburt wird nicht angesprochen, alles spielt sich erdverbunden ab.

Auf allerbestem Standard die Solisten der Wiener Symphoniker. Die von Heinz Ferlesch bestens präparierte Wiener Singakademie trug, groß besetzt, das solide Geschehen. Bei den Solisten gebührte der wunderbaren, makellosen Altistin Wiebke Lehmkuhl die Palme, Holländerin Lenneke Ruiten sprang tapfer und etwas zaghaft ein, Werner Güras Tenor klang abgewirtschaftet, der edle Bariton von Andrè Schuen leicht fehlbesetzt.

Immerhin ein Marketing-Erfolg: drei Kantaten an drei Tagen anzubieten und verkaufen zu können.

Wiederholung heute, Montag, im Konzerthaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2018)

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