Originalklang ohne zündende Ideen wirkt enttäuschend

Das Orchestre des Champs-Élysées unter Herreweghe in Grafenegg.

Warum nicht Brahms und Bruckner auf Originalinstrumenten aufführen? Dafür muss man aber Konzepte haben. Mit zügigen Tempi, kantigen Akzenten, Bemühen um einen schlanken Ton und größtmögliche Transparenz allein lässt sich Werken wie dem Brahms-Doppelkonzert und Bruckners zweiter Symphonie nicht beikommen. Das bewies das Gastspiel von Philippe Herreweghe und seinem seit den 1990er-Jahren bestehenden Originalklangensemble, dem Orchestre des Champs-Élysées, in Grafenegg. Wo blieben die klare Tempodramaturgie, das Verständnis für die unterschiedlichen Klangvorstellungen der beiden Komponisten? Das vermisste man.

Schon Herreweghes sachlich-distanzierte Lesart der Brahms-Partitur verriet kaum etwas von ihrer pulsierenden Dramatik, noch weniger vom intimen Charme dieses a-Moll-Konzerts. Das sonst bewegende mittlere Andante wurde fast wie ein nebensächliches Intermezzo absolviert. Dazu kam eine ungleiche Partnerschaft bei den Solisten, die wiederholt vom Orchester übertönt wurden. Violinsolistin Carolin Widmann hatte mehrfach gegen Intonationstrübungen zu kämpfen. Enttäuschend auch das Finalstück, Bruckners zweite Symphonie.

Bruckners Intention, den zweiten Satz „Feierlich, etwas bewegt“ zu nehmen, misstraute Herreweghe. Er verzettelte sich in Einzelheiten, blieb Tiefe schuldig, wusste vor allem keine Atmosphäre zu schaffen. Spannungsarm und unterschiedlich präzise erstand auch der Finalsatz. Am ehesten überzeugte das mit gezügeltem Elan artikulierte Scherzo. Die subtilen Klangvaleurs des Trios blieben bloß angedeutet. (dob)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2019)

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