Musikverein: Nur das Beste für Carlos Kleiber

Zum Saisonausklang musizierten die Philharmoniker Mozart, Schubert und Tschaikowsky unter Riccardo Muti.

Riccardo Muti.
Riccardo Muti.
(c) AP (THERESIA LINKE)

Für den scheidenden Staatsopernchef Ioan Holender war er, wie er in seinen Erinnerungen „Ich bin noch nicht fertig“ schreibt, „der größte Dirigent, der größte Musiker überhaupt“, den er im Leben kennengelernt hat. Seine seltenen Dirigate an der Staatsoper und im Musikverein bezeichnet Holender als „unerreichbare Sternstunden“. Die Rede ist von Carlos Kleiber. Am 3. Juli wäre der 2004 in Slowenien verstorbene und dort auch beigesetzte genialische Dirigent 80.

Für die Wiener Philharmoniker Anlass, ihre schon traditionelle Kurztournee zu Saisonabschluss – sie führt nach Athen und zum 38. International Istanbul Music Festival – in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana zu beginnen: mit einem Programm, maßgeschneidert für den von ihnen so verehrten Maestro und gestaltet von einem bedeutenden Dirigenten, der zu Carlos Kleibers handverlesenen engen Freunden zählte: Riccardo Muti.

 

„Pathétique“ ohne Pathos

Unvergessen, wie Muti Kleiber, obwohl er wusste, er kann ihn nicht an die Scala binden, mit dem Goldenen Taktstock des Mailänder Opernhauses ehrte. Unvergessen, wie Kleiber im Musikverein, was sich auf DVD und Video nachhören lässt, einst Mozarts Linzer Symphonie KV 425 dirigierte. Ebenso seine Deutung der Schubert'schen Unvollendeten, eine der wenigen Aufnahmen, die er mit den Philharmonikern produzierte.

Beide Werke bildeten das Programm des ersten Teils dieser Saisonabschlussmatinee – zugleich Mutis einziges Auftreten in dieser Saison in Wien. Auch in Zukunft macht er sich rar: ein Tribut an seine neuen Verpflichtungen als – beides ab Herbst – Musikdirektor der Römischen Oper und des Chicago Symphony Orchestra. Daher wird er erst wieder zu den Festwochen 2012 am Pult der Wiener Philharmoniker in Wien gastieren.

Wie Muti Mozart und Schubert interpretiert hat, hätte gewiss auch Kleiber sehr gefallen: mit klarer formaler Disposition, nie auf äußerlichen Effekt, sondern stets auf ein selbstverständliches Ausschwingen des Melos zielend. In Zeiten fortwährender stilistischer Experimente ist es beinahe selten geworden, Wiener Klassik in so natürlichem Tonfall und voll innerer Leidenschaft zu hören; mit Tempi, wie sie idealer den musikalischen Fluss kaum nachzeichnen könnten.

Muti gehört zu den wenigen Dirigenten, die den Philharmonikern jene für sie typischen klanglichen Facetten entlocken. Dafür gewinnt er auch die Jüngeren – wie den vorzüglichen Klarinettisten Daniel Ottensamer, der seine Soli mit unglaublicher Sensibilität und klanglicher Differenziertheit gestaltete.

Und das nicht nur beim diesmal mit besonderer Tiefenschärfe gelungenen Schubert, sondern auch nach der Pause, bei Tschaikowskys „Pathétique“, seit jeher eines von Mutis Paradestücken. Mit so spannungserfüllten weiten Bögen, präzise die dynamischen und agogischen Vorschriften beachtend, punktgenau das Finale als Höhepunkt ansteuernd, dabei nie in Sentimentalität verfallend, sondern stets in der rechten Balance von mitreißender Dramatik und melancholischer Wehmut, hört man dieses Werk wirklich höchst selten. dob

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2010)

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