„Der Evangelimann“, zerbrochen

Oper Klagenfurt: Es gibt Momente, da lohnt es sich, wenn auch widerwillig, doch nach der Pause in den Zuschauerraum zurückzukehren.

Auf der Reise durch seine österreichische Heimat ist Wilhelm Kienzls „Evangelimann“ nach der Wiener Volksoper und der Grazer Oper am Stadttheater Klagenfurt angekommen. Dort ist er zerbrochen. Und zwar in zwei völlig unterschiedliche Teile. Bereits das Bühnenbild befremdet: Tiroler „Vogelhändler“-Atmosphäre statt Donau-Klosterwelt im Stile Göttweigs.

Dazu hatte das Kärntner Sinfonieorchester einen rabenschwarzen Tag erwischt. Dirigent Michael Brandstetter vermochte zudem nicht den leisesten Hauch genuinen österreichisch-musikalischen Idioms zu evozieren. Auf der Bühne: nicht mehr als mittelmäßiges Vokalniveau, aus dem allerdings Alexandra Reinprecht als darstellerisch und auch stimmlich in jeder Weise überzeugende Martha turmhoch herausragte.

Welcher imaginäre Evangelimann dem versammelten Ensemble in der Pause eine Predigt oder gar Standpauke gehalten haben mag, sei dahingestellt – jedenfalls ereignete sich im zweiten Teil überraschenderweise großes Musiktheater!

Dem Hausherren Josef. E. Köpplinger gelang als Regisseur ein singuläres szenisches Spannungscrescendo inmitten einer nun plötzlich berührenden Wiener Vorstadt- bzw. Spitalskulisse der Zwischenkriegszeit. Wobei die Goldene Palme für die subtilste Zeichnung einer winzigen Nebenrolle an den symbolisch zwanghaft das Nachtkastllicht ein- und ausknipsenden Buben im Krankenbett geht.

Sein vom Tod gezeichneter Nachbar Johannes Freudhofer wird von Hans Gröning als erschütterndes Opfer klinischer Gewissensbisse gezeichnet; dessen Bruder, Evangelimann Matthias, findet nun endlich in Johannes Chum seine ideale Verkörperung: darstellerisch souverän und vokal so farblich schattiert wie von heroisch-fatalistischer Durchschlagskraft überzeugt er mit intonationssicherem Tenor auf allen Linien.

Nun erklingen auch aus dem Orchestergraben Klangfülle, große Spannungsbögen, lyrische Versenkungen und farbliche Vielfalt, bereits die einleitende Klage um die verlorene Jugend Magdalenas, anrührend vorgetragen von Anna Agathonos, ließ es ahnen, dass sich dieser zweite Teil zu packender szenischer Größe und musikalischer Intensität steigern würde. hasl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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