Konzerthaus: Schostakowitschs Ton exakt getroffen

Das New Yorker Emerson String Quartet packte mit "Slawischem".

Konzerthaus Schostakowitschs exakt getroffen
Konzerthaus Schostakowitschs exakt getroffen
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Hier blühende Sanglichkeit, da passionierte Hitze, dort nackte Angst: Als „slawisch“ könnte man die beiden parallel aufgebauten Programme zusammenfassen, mit denen das Emerson String Quartet endlich wieder in Wien gastierte – und doch wäre damit nichts Vereinendes oder Erhellendes über die Musik dingfest gemacht, welche bei Komponisten wie Antonín Dvořák, Leoš Janáček, Dmitri Schostakowitsch jeweils unterschiedliche, individuell klingende Profile erzeugt.

Vielmehr schienen da am ersten Abend im Mozartsaal des Konzerthauses Licht und Schatten der Liebe eine plausible inhaltliche Klammer abzugeben: Die „Zypressen“, in der ursprünglichen Version als ein Dutzend Lieder Zeugnisse von Dvořáks Jugendschwärmerei zu einer Schauspielerin, die schließlich seine Schwägerin wurde, sind in ihrer Quartett-Fassung Miniaturen melodiöser Innigkeit, die Satzkunst und musikalischen Tiefgang verbinden. Die dennoch zu stellende Frage der (Über-)Dosierung löste das Quartett, indem es den Zyklus in Dreiergruppen auf zwei Abende verteilte.

Schade nur, dass bei Janáčeks grandiosem ersten Quartett, der „Kreutzersonate“ nach Tolstoi, die Spannung, für welche sowohl Werk als auch Interpreten berühmt sind, sich nicht einstellen wollte: Die fahlen Einwürfe, bohrenden Invektiven, das leidenschaftliche Brodeln der grauenvollen Eifersuchtsgeschichte – all das blieb diesmal zu distanziert und um entscheidende Nuancen zu nobel. Bei Schostakowitsch aber waren die Herren aus New York wieder in ihrem Element: Mochte der 58-Jährige es auch seiner dritten, jungen Frau gewidmet haben, kündet sein 9.Quartett doch von den Schrecken und Zwängen im totalitären Regime.

 

Weg vom Schmalz, hin zur Klarheit

Der Kosmos von Angst, Klage, Groteske, Manie erstand in faszinierender Unmittelbarkeit – vom unbehaglichen Kreisen des Beginns bis zu den brutalen Arpeggi und Pizzicati des Finales, die klangen wie Geißelhiebe. Schostakowitschs ins Absurde weisender Ton, er war exakt getroffen.

Als herrliche Zugabe dann Samuel Barbers Adagio von 1936: Fernab jener oft schmalzigen Streichorchesterversion, derer sich Hollywood bedient hat (Platoon), vermochte das Werk in der flüssigen, die Klarheit der Linien hervorkehrenden und damit desto bewegenderen Lesart der „Emersons“ jeden Verdacht der Sentimentalität abstreifen und erhob sich in Sphären authentischen Ausdrucks. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2010)

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