Falscher Mythos Trümmerfrau? Ein Denkmal entzweit München

Den Kriegsschutt beseitigten fast nur Ex-Nazis. Die Grünen haben deshalb einen Gedenkstein verhüllt. Die Folge sind Morddrohungen.

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Berlin. Der Stein des Anstoßes ist ein kleiner, dunkler Felsblock. Seit dem Sommer steht er auf dem Marstallplatz im Zentrum Münchens. Er trägt eine Widmung: „Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration“, mit „Dank und Anerkennung“. Seit voriger Woche ist das Denkmal in einen rotbraunen Sack gehüllt. Nicht etwa Verpackungskünstler Christo war hier am Werk, es waren die bayerischen Grünen. Ihre Botschaft haben sie auf den groben Stoff gestickt: „Den Richtigen ein Denkmal, nicht den Alt-Nazis“.

Seitdem debattieren die Münchner heftig, was an der traditionsreichen Glorifizierung der Trümmerfrauen in der Nachkriegszeit nun wahr, was übertrieben und was einfach verlogen ist. Nun droht der Streit zu eskalieren. Im Internet tauchen Morddrohungen gegen die beiden Initiatoren der Verhüllung auf, die grünen Landtagsabgeordneten Sepp Dürr und Katharina Schulze. Mitglieder der Grünen Jugend München klagen, man habe sie beleidigt und bedroht.

Das Phänomen der Zeitgeschichte, das hier einen Schatten bis in die Gegenwart wirft, schien lange gar keinen zu haben. Deutsche wie Österreicher feierten ihre Trümmerfrauen, die nach dem Krieg alle größeren Städte vom Schutt der von Bomben zerstörten Häuser befreiten, jahrzehntelang als Heldinnen. Sie erhielten Orden, Denkmäler, in Österreich 2007 sogar eine Prämie: 300 Euro für jede Frau, die kurz nach dem Krieg schon Kinder hatte und heute bedürftig ist.

Erst in den letzten Jahren melden Historiker Bedenken an: Schon die Nazis und die von ihnen aus ganz Europa zusammengetrieben Zwangsarbeiter räumten in den letzten Kriegsmonaten viele Trümmer weg. Nach dem Krieg packten auch viel Jugendliche und alte Männer an. Bald schon übernahmen professionelle Baufirmen den Abtransport und erledigten bei weitem das größte Volumen. Die Leistung der selbstlosen Frauen, die oft um ihre gefallenen Männer trauerten oder um Verschollene und Gefangene zitterten, war also geringer als lange gedacht. Sie zu glorifizieren, verschaffte den von Schuldgefühlen geplagten Deutschen in der Zeit des Wirtschaftswunders wieder unbedenkliche Vorbilder. Vor allem aber, resümieren Forscher heute, half der Mythos, die eigene Schuld zu verdrängen und auf einige wenige Verantwortliche abzuschieben.

 

Minister weihte das Monument ein

Dieser politisch korrigierte Diskurs wäre wohl den Zirkeln der Zeithistoriker vorenthalten geblieben, hätte nicht das Stadtarchiv für München noch spezielle lokale Details recherchiert: In der bayerischen Hauptstadt waren es neben deutschen Kriegsgefangenen vor allem Eben-Noch-Nazis, die von den Besatzungstruppen zu Aufräumarbeiten verdonnert wurden. Hätten sie nicht mitgeholfen, hätte man ihnen Essensmarken verweigert. Diese Praxis war keineswegs nur auf München beschränkt. Auch in Berlin funktionierte es ähnlich, wie man aus Berichten von Zeitzeugen weiß.

In München setzte sich die Aufräumtruppe aus 1300 Männer und nur 200 Frauen zusammen. 90 Prozent waren davor in nationalsozialistischen Organisationen tätig. „Auf die muss man wirklich nicht stolz sein“, meint Dürr, der kulturpolitische Sprecher der Landesgrünen. Schon mehrmals lehnte die Stadtverwaltung deshalb ein Denkmal ab. Heuer aber hat ein Gedenkverein das Monument auf einem städtischen Grundstück in exponierter Lage durchgesetzt.

Freilich steckt hinter der Kontroverse auch Parteienstreit. Was die Grünen besonders ärgert: Der bayerische Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) weihte das Denkmal im September höchstpersönlich ein. „Der war sich halt nicht zu blöd, im Wahlkampf am rechten Rand zu fischen“, sagt Dürr.

Der kritisierte Landesminister rechtfertigt sich: Er habe in seiner Rede zur Eröffnung an die deutsche Verantwortung für die Shoah erinnert. Vor allem aber verweist er auf einen Passus, den er zur Aufschrift dazu reklamiert hat und der die Skepsis der Stadtverwaltung verklausuliert anspricht: „Wir wissen um die Verantwortung“. Für uninformierte München-Gäste dürfte ein solcher Zusatz freilich eher kryptisch bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2013)

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