Vierhändig: Das Künstlerduo Muntean und Rosenblum

Das Künstlerduo Muntean/Rosenblum zeigt neue Arbeiten im Essl Museum. Im Gespräch erklären die beiden, warum alle Menschen Jugendliche sind und was der Vorteil von einem perlmutterigen Beige ist.

Muntean/Rosenblum
Muntean/Rosenblum
(c) Die Presse (Julia Stix)

Sie sind eines der erfolgreichsten Künstlerduos ihrer Generation: Adi Rosenblum und Markus Muntean, beide 1962 geboren – sie in Haifa in Israel, er in Graz in der Steiermark. Schon in den 1990ern zählten sie zu den Überfliegern der jungen heimischen Szene – nicht zuletzt als Betreiber eines der ersten Off-Spaces in town (Kicks & Bricks) und damit Auslöser des Wiener Galerienwunders. Die Entscheidung, 2002 trotz laufender Malereiprofessur am Schillerplatz nach London zu übersiedeln, brachte dann den internationalen Durchbruch. Kuratoren und Galeristen von Melbourne bis San Francisco gaben sich fortan die Klinke ihrer Ateliertür in die Hand. Seither sind Muntean/Rosenblum eine Fixgröße am Kunstmarkt. Absoluter Karrierehöhepunkt bisher: ihre Solo-Show in der Tate Britain 2004.
Muntean/Rosenblums Erfolgsrezept ist ihre „vierhändige“ Gemeinschaftsmalerei. Inhaltlich angesiedelt zwischen Klassizität, einer surrealen Endzeitstimmung und einem Schuss Zeitgeist, kompositorisch konsequent positioniert innerhalb eines weißen gemalten Rahmens, der die Bilder in einem Raum der Instabilität hält, und stets erweitert um knappe Textzeilen, verkörpern sie einen ständigen Balanceakt zwischen High & Low. „Wir haben ein System entwickelt, um die Malerei in zeitgenössischer Weise durchführen zu können“, sagt Markus Muntean. „In diesem Sinn verweist der weiße Rahmen über das Bild hinaus – eine Anspielung darauf, dass das Bild nicht komplett ist.“ Das gilt auch für ihre Zeichnungen, Videos und Rauminstallationen.

Ob Sie nun Videos produzieren, Skulpturen oder Installationen – Ausgangspunkt ist immer die Malerei, die auch im Zentrum aller Ausstellungen steht. Dabei spielt aber auch der Raum mit – sei es als Raum des Bildes, sei es als realer Ausstellungsraum. Nun ist der Ausstellungsraum im Essl Museum mit seinen großen Fensterflächen gerade für die Präsentation von Malerei eine Herausforderung ...


Adi Rosenblum: Wir wollten, dass dieser Raum anders erscheinen sollte, als man ihn gewöhnlich kennt. Daher haben wir ihn verändert und eine freistehende, skulptural anmutende Wand entwickelt, die den Raum in der Mitte durchschneidet.

Markus Muntean: Das ist so eine Idee, sich freizuspielen. Nichts sollte an den Wänden sein.
Rosenblum: Die Seiten sind farbig, so wie wir das schon öfters gemacht haben, und dahinter gibt es eine Struktur für die Projektion der Videos. Es ist ein richtiger Einbau. Nur die Fensterfront bleibt offen.

Muntean: … das ist konzeptuell eleganter. Die Wand sollte frei stehen. Es war uns wichtig, dass wir etwas in den Raum hineinsetzen.

Rosenblum: Wir verwenden gern poppige Farben. In Leipzig beispielsweise haben wir die Wände für unsere Ausstellung nickelgelb und dunkelgrün getüncht.

Muntean: Diesmal geht es eher in die Richtung perlmutterbeige, leicht goldig.

Sie produzieren fast jedes Jahr einen Film. In der Ausstellung im Essl Museum werden neben der Malerei zwei Filme zu sehen sein – einer davon, „Run“ (2008), wird hier überhaupt Weltpremiere haben, der andere, „Shroud“ (2006), ist bis jetzt nur im Ausland gezeigt worden. Welchen Stellenwert hat das bewegte Bild für Sie?


Rosenblum: Was wir in unseren Filmen machen, ist eigentlich Malerei. Es interessiert uns, die Malerei in Bewegung zu bringen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Auflösung möglichst hoch ist, so dass es bei der Präsentation keinen Qualitätsverlust gibt. Zugleich ist der Film das beste Begleitmedium zu unseren Bildern – und der Sound ist die beste Begleitung zu den Bildern. Es ist schön, wenn sich alles vermischt.

Muntean: Wir wollen, dass der Sound überschwappt. Auch das gesprochene Wort ist eine Ergänzung zu den Filmen. Zugleich kann aber auch jedes für sich stehen.

Überblickt man Ihr Schaffen seit den 90ern, dann hat sich die Bildsprache vor allem in den letzten Jahren deutlich geändert. War früher der Zusammenhang mit der Jugendkultur evident, so sind die neueren Werke nicht mehr so eindeutig zuzuordnen. Zwar handelt es sich bei den Porträtierten immer noch um Gruppen junger Menschen. Aber die Bilder wirken jetzt weniger szenisch, dafür vielleicht allgemeingültiger. Auch die Malweise ist differenzierter als früher. Früher haben Sie Fotos aus Lifestyle- und Modemagazinen als Vorlage für Ihre Malerei genommen. Woher kommt heute die Anregung?

Rosenblum: Wir nehmen die Inspiration aus Bildern, die uns gefallen – ohne dass wir sie eins zu eins umsetzen. Bei „Shroud“ (2006) etwa war es dieser stark perspektivisch verzerrte, nur mit einem Leichentuch bedeckte „Tote Christus“ des Renaissance-Malers Mantegna. Für „Run“ haben wir uns an „Dantes Hölle“ von Gustave Doré inspiriert. Diese Menschen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, haben uns imponiert.

Muntean: Und der Schnitt ist wichtig. Im Unterschied zu früher, wo wir ein Recycling-Konzept verfolgt haben, konstruieren wir jetzt ausgehend von Fotos etwas Neues.

Auffällig ist der Soundtrack, klassische Musik ...
Muntean: Die Musik erzeugt Pathos und Emotion ...


Rosenblum: … und unterstreicht die Endzeitstimmung, die uns in ihrer ganzen Unklarheit so fasziniert. Was uns aber am meisten interessiert, ist die Emotion, die die menschliche Figur auslösen kann.

Schwingt da auch eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist mit?

Rosenblum: Sicher, jedenfalls geben wir eine Interpretation davon. Aber im Endeffekt geht es immer um große Emotionen, vor allem das Thema Tod.

Aber ist der Tod für Jugendliche ein Thema?

Rosenblum: Das kann ich nicht sagen. Allerdings sprechen wir nicht nur über die Jugendlichen, sondern über die Menschen von heute allgemein, also auch über alte Menschen.

Dennoch sind die Protagonisten der Filme und Bilder ausschließlich junge Menschen.

Rosenblum: Im kollektiven Bewusstsein ist der Mensch ein Jugendlicher. Da sind wir als Gesellschaft schon „brain-washed“.

Muntean: Genau nach dieser Gesellschaft zu fragen interessiert uns. Deshalb ist es uns wichtig, dass sowohl die Malerei als auch die Komposition nicht so sehr mit einem realistischen Anspruch daherkommen, sondern vielmehr Zustand und Emotion dieser Gesellschaft beschreiben.

Rosenblum: Was uns bewegt, ist, eine Malerei mit konzeptuellem Hintergrund zu machen. Diese Abstraktionsebene ist ein entscheidendes malerisches Mittel.

Wie entstehen die Filme? Nach welchen Kriterien suchen Sie etwa die Schauplätze aus? „Run“ spielt in einem ganz merkwürdigen Tunnel.

Muntean: Es war reiner Zufall! Als wir am Rand von Wien diesen künstlichen Bahntunnel, der noch nicht in Betrieb ist, gesehen haben mit seinem starken Licht, das von der Seite kommt, haben wir gesagt: „Diese Location müssen wir kriegen!“ Für „Shroud“ wiederum haben wir mit Spiegeln gearbeitet, um dramatische Lichteffekte in der Manier Caravaggios zu erzeugen.

Die Filme wirken hochprofessionell. Arbeiten Sie mit Schauspielern?

Rosenblum: Wir machen schon Castings, allerdings holen wir die Leute von der Straße, oder es sind Freunde und Bekannte.

Muntean: Die Technik des Close-ups ermöglicht es, ein intensives Pathos zu entwickeln. Mit Bewegung, Verzeitlichung und Sprache bietet der Film weitere Möglichkeiten, die es in der Malerei nicht gibt. Wir lassen allerdings auch verbotene Dinge zu, die heute verpönt sind, weil sie zu einer visuellen Armut führen – Unschärfen etwa.

Wie wichtig sind die Filme für Ihr Gesamtwerk?

Rosenblum: Die Arbeit am Set macht uns großen Spaß. Sie gibt uns das Gefühl, unabhängig zu sein. Wir zahlen auch Honorare – sehr gute sogar, weshalb die Leute gerne mit uns arbeiten. Die Bilder und die Filme verstärken sich auch gegenseitig. Es ist uns wichtig, immer wieder in anderen Medien zu arbeiten, um etwas für sich zu lernen.

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