Lillian Fayer: Sie konnte sogar Musik fotografieren

Die Doyenne der österreichischen Fotokunst starb mit 97. Ihr Name war Synonym für sensible Künstlerporträts.

Lillian Fayer
Lillian Fayer
Lillian Fayer – (c) APA (Foto FAYER)

Lillian Barylli-Fayer ist in der Nacht auf den 14. Dezember friedlich entschlafen. Die notorische Phrase trifft in diesem Fall gottlob zu. Die längst legendäre Fotokünstlerin stand im 98.Lebensjahr, doch kam, wie ihre Familie versichert, der Tod völlig unerwartet. Bis zuletzt war sie hellwach und stets am Fortgang des heimischen Kulturlebens interessiert, jenes Kulturlebens, das sie über lange Jahre so aufmerksam und sensibel mit der Kamera verfolgt und dokumentiert hat.

„Foto Fayer“ lautete über lange Jahre das Synonym für hochwertige Künstlerporträts aus dem Theater- und Opernbereich. Die „Fayerin“, wie sie Opernlegenden vom Range einer Elisabeth Schwarzkopf gern nannten, war die Fotografin der Salzburger Festspiele und der Wiener Staatsoper. Ermöglicht hat ihr das ein besonders kritischer Geist, der Kollegen freie Hand ließ, wenn er einmal Vertrauen in sie gefasst hatte: Herbert von Karajan gestattete Lillian Fayer, während seiner „Regentschaft“ hinter den Kulissen nach Herzenslust zu schalten und zu walten.

Er wusste: Sie wird den Spiel- oder Probenbetrieb niemals stören – doch was sie an Bildern aus der Hand gab, war die perfekte Dokumentation der Musiktheaterkunst. Denn diese Frau war so musikalisch wie sie eine Psychologin war. Die zahllosen Porträts, die sie in ihrer Karriere von den berühmtesten Künstlern machte, verraten, wie sie Persönlichkeiten auszuleuchten wusste – und zwar buchstäblich in jeder Bedeutung des Wortes.

Geboren am 8.Juli 1917 in New York, war sie als Mädchen über Ungarn nach Wien gekommen, um hier das (noch von Pionier Daguerre mitbegründete) bedeutende Foto-Unternehmen der Familie weiterzuführen. „Fayer“ war bereits ein Begriff in der Welt, als Lillian, die später in erster Ehe mit dem philharmonischen Geiger Walter Barylli verheiratet war, in die Fußstapfen ihres Vaters trat.

Doch durch sie war sichergestellt, dass, wer mit klassischer Musik zu tun hatte, immer wieder mit Fayer-Fotos in Berührung kam, ob in Form von Autogrammkarten oder Schallplattencovers. Manche ihrer Sujets (abrufbar über www.fayer.at) sind Fotogeschichte, die Tebaldi als Tosca mit dem Kerzenleuchter, Placido Domingo in Toulouse-Lautrec-Gewandung...

Es war richtig, dass diese Bildkünstlerin ihren letzten öffentlichen Auftritt in der Staatsoper feierte: Anlässlich ihres 95ers eröffnete sie eine Ausstellung ihrer schönsten Porträts im Gustav-Mahler-Saal des Hauses am Ring. Wie stets präsentierte sie sich auch bei dieser Gelegenheit als bescheidene, liebenswerte Zeitgenossin, die bis zuletzt voll des Humors war und nie viel Aufhebens um ihr Können machte, sich aber über die Anerkennung der von ihr Porträtierten herzlich freuen konnte.

Die waren ihr allesamt zu innigem Dank verpflichtet, denn sie hatte es verstanden, den Menschen wie den ausdrucksstarken Bühnendarsteller gleichermaßen einzufangen – eine Quadratur der Porträtkunst, die nur wenige beherrschen. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2014)

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