Fotohof-Archiv: Perlen an der Salzach fischen

Mit dem Fotohof-Archiv erweist sich Salzburg einmal mehr als Vorreiter in Sachen Fotografie.

Vertrauenssache. Doug Stewart überließ dem Fotohof-Archiv einen Großteil seines Œuvres.
Vertrauenssache. Doug Stewart überließ dem Fotohof-Archiv einen Großteil seines Œuvres.
Vertrauenssache. Doug Stewart überließ dem Fotohof-Archiv einen Großteil seines Œuvres. – (c) Doug Stewart

Ein kleines Farbfoto, säuberlich aufgeklebt auf ein A4-Blatt. Es ist ein Schnappschuss der Hochwasser führenden Salzach. Das Blatt ist befüllt mit Informationen. Rechts oben ein handschriftlicher Inventarisierungscode, links ein Copyright-Stempel. Auf der freien Fläche unterhalb des Abzugs steht penibel notiert: „Salzburg, Montag, 12. August 2002. Ausflugsdampfer ,Amadeus‘. Pegelstand 8,80. (Hochwassergrenze liegt bei 5,50).“ Das Blatt ist eines von vielen, die der österreichische Fotograf Paul Albert Leitner anlässlich der Eröffnung des Salzburger Fotohof-Archivs in Vitrinen zu einem Querschnitt durch sein mittlerweile 70.000 Bilder aus aller Welt umfassendes Archiv arrangiert hat.

Lebensaufgabe. Der österreichische Fotograf Paul Albert Leitner hat das Archivieren zur Kunstform erhoben. – (c) Paul Albert Leitner

Das Archivarische. Für Rainer Iglar, Fotograf und Mitbegründer des Fotohofs, ist Paul Albert Leitner „die Idealbesetzung, wenn es in der österreichischen Gegenwartsfotografie um die Verkörperung des Archivarischen an sich geht“. Leitners Beitrag sieht er nicht nur als Reverenz an den Ort, sondern auch als „Vorgriff auf das Vorhaben des Archivs, auch ein Österreich-Bild-Archiv aufzubauen“. Leitner ist damit zugleich Symbolfigur für den jüngsten Schritt, den die vor 33 Jahren gegründete, mittlerweile um Bibliothek, Kunstvermittlung, Edition und Verlag erweiterte Produzentengalerie mit dem Archiv gewagt hat.

Der Fotohof selbst ist zentraler Teil jener Aufbruchsstimmung, an der Salzburgs Fotoszene im Anschluss an die bahnbrechenden Initiativen in Graz seit den späten 1970ern so großen Anteil hatte. „Salzburg war mit Graz eine Keimzelle der neueren österreichischen Fotogeschichte“, bestätigt Margit Zuckriegl, Leiterin der Fotoabteilung und langjährige Kuratorin am Salzburger Rupertinum, das 2004 ins Museum der Moderne eingegliedert wurde. „Schon ab den 1970ern gab es am Salzburg College und an der Sommerakademie Fotoklassen, aus denen heraus sich eine lebendige Szene bildete. Es ist dem Engagement Otto Breichas, Gründungsdirektor des Rupertinums, zu verdanken, dass er mit seinem Wechsel ans 1983 eröffnete Museum die Fotografie von Salzburg aus als Sammlungsmedium etablierte und institutionalisierte.“

Heute umfasst die Fotosammlung des Hauses rund 30.000 Einzelwerke. Den Löwenanteil davon machen die hauseigene Sammlung österreichischer Fotografie nach 1945 und die von Beginn an hier beherbergte Sammlung des Bundes aus. Dazu kommen 600 historische Exponate aus der 2009 als Leihgabe übernommenen Sammlung „Fotografis“ der Unicredit Bank Austria. Mittlerweile sind Fotoausstellungen quer durch sämtliche Institutionen in Salzburg eine Selbstverständlichkeit – hier vielleicht sogar ein bisschen mehr als anderswo.

Szenisch . Doug Stewart machte mit dem „Photographic Street Theatre“ die Straße in den 70ern zur Bühne. – (c) Doug Stewart

Ein ewiges österreichweites Desiderat blieb allerdings ein entsprechendes Dokumentationsarchiv für Fotografie nach internationalem Vorbild. „Ein Archiv, oder noch größer eine Stiftung für die Fotografie in Österreich ist ja ein wirklich lang diskutierter Wunsch, der immer sehr groß gedacht war und immer an der Finanzierung gescheitert ist“, sagt Kurt Kaindl, Fotograf und ebenfalls Fotohof-Gründungsmitglied, „auch der Fotohof in Salzburg hat schon lang darüber nachgedacht und Konzepte dazu entworfen.“

Dass der Plan jetzt in die Tat umgesetzt werden konnte, hat mit einem, wie Kaindl sagt, „fast schon zu romantischen Zufall“ zu tun. Und zwar überließ der US-Fotograf und Fotolehrer Doug Stewart, dessen Workshops am Salzburg College und an der Sommerakademie einige der Gründungsmitglieder des Fotohof-Kollektivs in den 1970ern besucht hatten, dem Fotohof im Vorjahr einen Querschnitt seines fotografischen Schaffens. „Das war ein sehr großer Vertrauensbeweis. Da mussten wir den Sprung, das Archiv zu realisieren, einfach wagen.“ Glückliche Fügung war es, dass zum richtigen Zeitpunkt Räumlichkeiten vis-à-vis der Galerie frei wurden, die die Anforderungen eines Archivs in Bezug auf Größe, Klimatisierung und Infrastruktur ideal erfüllten. Zudem gab es Zuschüsse von Bund, Land, Stadt und privater Seite.

Offenheit. Das 300 Quadratmeter große Archiv steht Interessierten ebenso offen wie Professionals. – (c) Fotohof Archiv

Inhalte vorhanden. Mit größeren Werkblöcken zentraler Figuren der österreichischen Fotografie nach 1945 und Wiederentdeckungen sowie Leihgaben und Nachlässen hatte sich im Rahmen der Galeriearbeit bereits ein Grundstock von Künstlern wie Inge Morath, Gerti Deutsch, Otmar Thormann, Heinz Cibulka oder Michaela Moscouw, um einige zu nennen, angesammelt. Dabei galt das Augenmerk vor allem Materialien, die zum vertiefenden Verständnis eines künstlerischen Œuvres beitragen – von Negativen über Vorentwürfe bis hin zu Manuskripten. Ein Exempel für die zukünftige Archivarbeit statuierte da auch das Privatissimum, das Stewart im Zuge der Übergabe seines Werks gab.

„Struktur und Know-how sind jetzt vorhanden“, sagt Rainer Iglar. Nun geht es darum, die Materialien zu sichten, aufzubereiten und für Interessierte und für Ausstellungen verfügbar zu machen. „Der Traum ist, dass man, wenn es um österreichische Gegenwartsfotografie geht, bei uns Materialien findet, die es sonst nirgends gibt.“

Tipp

Die Präsentationen von Paul Albert Leitner und Doug Stewart sind noch bis zum 1. 8. im Fotohof-Archiv zu sehen. archiv.fotohof.at

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