Neue Wunderwelten

Die "Wiener Wunderkammer"-Ausstellung 2015 bringt aktuelle Projekte aus Wissenschaft, Kunst und Technik zusammen, die einen Blick auf die Zukunft werfen.

Marko Zinks Muschelkleid aus der Unterwasser-Fotoserie
Marko Zinks Muschelkleid aus der Unterwasser-Fotoserie
Marko Zinks Muschelkleid aus der Unterwasser-Fotoserie "Schwimmer" – Marko Zink

Kunst und Wissenschaft sind die Kreativzonen schlechthin", ist Christoph Überhuber, Künstler und Professor für Numerische Mathematik an der Technischen Universität, überzeugt. Doch bedürfe es für Kreativität und Fortschritt in beiden Gebieten einer simplen Fähigkeit: jener, sich wundern zu können: "Wenn man das Staunen nicht verlernt, hat man auch die Voraussetzung, auf neue Dinge zu kommen." In der Kunst kennt man Erstaunliches von Wunderkammern der Renaissance und des Barock, die enzyklopädische Universalsammlungen von außergewöhnlichen Raritäten waren. "Wir haben in Wien im Kunsthistorischen Museum das Prachtexemplar davon", schwärmt Überhuber, "aber mir ist aufgefallen, dass die Wissenschaft dort zu kurz kommt." Deshalb hat er eine eigene Wunderkammer kuratiert doch nicht mit alten Kostspieligkeiten, sondern mit zeitgenössischen Projekten: "Es geht nicht darum zu protzen, sondern wirklich Erstaunen hervorzurufen."

Im November ist nun die zweite von Überhuber kuratierte Ausstellung in der Technischen Universität Wien zu sehen, anlässlich deren 200-jährigen Bestehens mit einem Motto verbunden: Unter der Frage "What s next?" wird auf die Zukunft von Kunst, Wissenschaft und Technik im digitalen Zeitalter geblickt.

 Synergie

Es gab einige Schlüsselmomente in der Kunstwelt, die Überhuber zur Wiederbelebung der Wunderkammer-Idee bewegt haben. Da war die Teilnahme des Quantenphysikers Anton Zeilinger an der Documenta in Kassel 2012, da war der Versuch Massimiliano Gionis bei der Biennale in Venedig 2013, im "enzyklopädischen Palast" das Wissen der Menschheit auszustellen. Überhuber fühlte, dass die Zusammenführung von Wissenschaft und Kunst wieder im Trend liegt. "Früher gab es ja die Verbindung von Künstler und Wissenschaftler in einer Person, der Prototyp ist Leonardo DaVinci. So etwas ist heute so gut wie ausgeschlossen, aber man kann eine Annäherung forcieren," beschreibt er seinen Wunsch, mit der Wunderkammer den Elfenbeinturm Wissenschaft zu öffnen.

Für die diesjährige Ausstellung ließ er eine Jury über dreißig aktuelle Arbeiten aus Wissenschaft, Kunst und Technik auswählen. Neben Künstlerin Valie Export und Biochemikerin Ren e Schröder war auch Künstlerin Elisabeth von Samsonow Teil der Jury. Man dürfe, meint von Samsonow, die Kontaktzonen der drei Bereiche zwischen produktiver Konkurrenz, gegenseitiger Vorbildwirkung und Bereicherung nicht unterschätzen. So sei etwa Technik "ein viel breiteres Geschehen, als man denkt. Eine Datenbrille oder Ähnliches wird erst über den Modus der Imagination und Kunst hergestellt, dann umgesetzt."

Auch mit dem Motto der aktuellen Wunderkammer liege man im Trend, sagt Überhuber. Bei der diesjährigen Biennale in Venedig war die Zukunft ebenfalls Thema. Er selbst vermutet, sie werde in interaktiver Kunst liegen. Dass die Zukunft die Gegenwart beeinflusst, ist für ihn sowieso ausgemachte Sache. Die Ausstellungswerke sollen diesen Einfluss zeigen und auch neue "Impulse für die Zukunft setzen".

Wie die Teilnehmer der Ausstellung Künftiges ins Jetzt zu holen vermögen, haben ihnen Überhuber und die Jury offengelassen. So finden sich nun sehr unterschiedliche Ansätze, die von politischen oder sozialen Überlegungen, etwa dem Entwurf eines Nudeldruckers zur Vervielfältigung taktiler Kunstwerke für Sehbehinderte, bis zu utopischen oder dystopischen Entwürfen aller Art reichen. Neben rein künstlerischen Werken, wie der Bildserie "Schwimmer" von Marko Zink, stehen wissenschaftliche, wie "Sensoren aus Nanoporen" von Clemens Heitzinger: "Objekte in der Größenordnung von Viren, aber mit gezielten Eigenschaften versehen. Das hat für mich eine hohe Ästhetik," erklärt Überhuber und spricht dabei eine Herausforderung an, die sich ergibt, wenn man Wissenschaft und Kunst zusammen präsentiert: Die ästhetischen Maßstäbe sind manchmal sehr unterschiedlich.

Austellung: Wiener Wunderkammer 2015

Sehschule

"Wenn ich Ihnen sage, dass e hoch i minus eins ist, werden Sie fragen: Was ist daran schön?", nennt Überhuber als Beispiel eine Formel, die für jeden Mathematiker aber ein Genuss sei. Wunderkammergerecht soll das Nebeneinander von solchen Unterschieden den Reiz der Ausstellung ausmachen. Voriges Jahr entstand so "eine extrem dichte Riesen installation fern eines white cube", erinnert sich von Samsonow. Auch heuer soll es so sein. Überhuber wünscht sich, dass die Wunderkammer auf diese Weise wie eine Sehschule funktioniert. Dabei soll helfen, dass die Aussteller anwesend sind und ihre Exponate vorführen. Zudem werden sich Besucher selbst einbringen können, so wie bei dem von Arcimboldo inspirierten Projekt "Portrait on the Fly" von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau. Mithilfe einer Software entsteht hier ein witziger Effekt: Stellt man sich vor einen Monitor, so setzt sich ein künstlicher Fliegenschwarm auf die Umrisse des Gesichts.

Darüber hinaus werden Arbeiten gezeigt, die eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Bereichen bauen wollen. Das elek trochemische Klangkunstprojekt "Galvanic Sonification" von Leon Ploszczanski und Oliver Hödl etwa, bei dem chemische Prozesse aufgezeichnet und in Klänge verwandelt werden: "Das ist für mich ein Idealfall einer Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst", begeistert sich Überhuber.

Tipp

"Wiener Wunderkammer 2015". Ausstellung zur
Begegnung von Wissenschaft, Kunst und Technik, Prechtl-Saal der Technischen Universität, 5. 11.11.

 

 

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