Constantin Luser: Die Ordnung der Welt

Das Kunsthaus Graz widmet Constantin Luser eine Personale. Er will den Museumsraum dreidimensional erzeichnen und zum Klingen bringen.

Klangkörper. Luser im Atelier: Vor ihm ein Teil einer Instrumentskulptur, hinter ihm Raumzeichnungen.
Klangkörper. Luser im Atelier: Vor ihm ein Teil einer Instrumentskulptur, hinter ihm Raumzeichnungen.
Klangkörper. Luser im Atelier: Vor ihm ein Teil einer Instrumentskulptur, hinter ihm Raumzeichnungen. – (c) Christine Ebenthal

Vorgezeichnet war er zwar nicht, abzuzeichnen begann er sich aber bald: Constantin Lusers Weg in die bildende Kunst nämlich, den er noch während eines Industriedesignstudiums, im ersten Jahrgang dieses Ausbildungszweiges an der FH Graz Ende der Neunzigerjahre, abzuschreiten begann. „Als Industriedesigner muss man konkrete Aufträge umsetzen, und das hat mir überhaupt nicht gepasst“, erinnert sich Luser an die Ausbildung, die er nachträglich als ziemlich einengend und „wie ein Korsett“ bezeichnet. „Die Ausbildung war ausgezeichnet, aber sie entsprach nicht dem, was ich eigentlich machen wollte“, sagt Luser heute. „Das führte dann dazu, dass ich noch an der Fachhochschule alles ständig hinterfragte, sodass meine Professoren sagten: Tu dir und uns einen Gefallen und studier lieber Kunst.“

Diesen Ratschlag hat Luser nach dem Diplom in Graz auch beherzigt, bewarb sich an beiden Wiener Kunstuniversitäten, wurde an beiden aufgenommen und studierte bis Mitte der Nullerjahre an der Akademie und der Angewandten. „Ich war ganz baff angesichts der Studiensituation an den Kunst-Unis. Bei all der Freiheit, die da herrschte, ist es mir entgegengekommen, dass ich aus dem vorherigen Studium die Fähigkeit, strukturiert zu arbeiten, mitgenommen habe.“

Vorstufe zur Kunst. Eine Schlüsselrolle in der Art und Weise, wie sich Constantin Luser seine Welt als Künstler ordnete, spielte stets die Auf-Zeichnung, also im eigentlichsten Wortsinn: das Zeichnen seiner Gedanken, die Illustration in einem minutiös geführten Tagebuch. Zehn dieser akribisch befüllten Notizbücher gibt es bis heute. Während des Interviews zeigt Luser ein Video her, in dem Seite um Seite vorgeblättert wird – dicht ist das Liniengeflecht gesetzt, und äußerst genau mutet es an. Doch während über lange Zeit die Zeichnung auch in Lusers öffentlichem, zum Herzeigen bestimmten Werk dominierte, kam es hier letzthin zu einer Veränderung: „Die Zeichnung hat sich auf eine persönlichere Ebene zurückgezogen“, sagt Luser in seinem Atelier, das im Künstlerhaus in Wiens Sonnwendgasse untergebracht ist. „Die Tagebücher sind eine Vorstufe zu meiner eigentlichen Arbeit und funktionieren wie ein Fundus für mich, aus dem ich schöpfen kann.“

So akribisch und kleinteilig, detailliert und genau sind die Zeichnungen von Constantin Luser, dass ihre Anfertigung irrsinnig zeitaufwendig ist und er keinen Teilschritt an einen Mitarbeiter abgeben kann. „Wenn ich Serien zeichne und unter Druck stehe, dann verbaut mir das außerdem die Lust am Zeichnen. Mit den Raumzeichnungen, zu denen ich in letzter Zeit übergegangen bin, ist das anders; sie sind eine Fortführung der Zeichnungen auf einer anderen Ebene, auch ins Soziale hinein, weil wir sie im Team umsetzen können.“

Klingender Raum. Als „Raumzeichnungen“ bezeichnet Luser seine Arbeiten aus Draht in verschiedenen Stärken: Geflechte aus Metallfäden, die sich tatsächlich in den Raum zu schrauben scheinen. In Lusers Atelier hängen Elemente von ihnen dicht an dicht, und je nach Blickwinkel muten sie zwei- oder dreidimensional an. „Es ist ein Übergang, von der Wand in den Raum, und die verschiedenen Drahtstärken entsprechen natürlich unterschiedlichen Linienstärken.“

Das Kunsthaus Graz, in dem nun eine große Einzelausstellung zu sehen ist, bespielt Constantin Luser großflächig mit seinen Raumzeichnungen. Außerdem gibt es eine in situ angefertigte Wandzeichnung zu sehen, also einen Rückbezug auf das frühere Stadium seiner Arbeit. Nicht zu übersehen sind aber wohl auch jene fünf großzügig dimensionierten Instrumentskulpturen, die, wenn es nach Luser geht, nicht nur als physische Objekte den Raum befüllen, sondern von Besuchern auch zum Tönen gebracht werden sollen. Der Titel der Ausstellung, „Musik zähmt die Bestie“, bezeichnet wohl auch das Verhältnis zwischen den ausgestellten Arbeiten und dem markanten Ausstellungsraum: „Ich mache selbst Musik, ich mag Musik, und ich finde, Instrumente sind fantastische Skulpturen“, so Constantin Luser. „Auch wegen der Art, wie sie einen Raum zur Gänze aus- und auffüllen können. Der Klang löst sich gänzlich ab von einem selbst und hilft dabei, sich selbst in der Umgebung wahrzunehmen.“

Dieser Wahrnehmung Lusers folgend, ergibt sich wieder eine Quer- und Rückverbindung von den Instrumentskulpturen – eine davon wurde eigens für die Ausstellung in Graz angefertigt, die anderen sind in der Vergangenheit entstanden und werden von Luser sonst in einem Skulpturenpark verwahrt – zu seinen Zeichnungen, die ja ebenfalls ein Ordnungsprinzip darstellen und eine Möglichkeit, sich in der Welt zu verorten. Dabei hilft – einem Künstler – natürlich auch eine große Personale. Die kommt in Lusers 40. Lebensjahr zugleich als ein verfrühtes Präsent daher: „Natürlich war das eine großartige Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Es war aber auch eine richtige Arbeitsbombe.“

Tipp

„Musik zähmt die Bestie“. Das Kunsthaus Graz zeigt von 26. Februar bis 1. Mai eine Personale von Constantin Luser. Siehe auch www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

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