Lass den Baum in dir schwingen!

Elisabeth von Samsonow ist eine Verfechterin des Posthumanismus, als Philosophin, als Künstlerin. Das inszeniert sie jetzt effektvoll in der Dominikanerkirche Krems.

 Fünf übermannshohe hölzerne Stege spannt Samsonow mit zwölf Saiten zu einem riesigen Instrument zusammen. Als Klangraum dient die gotische Dominikanerkirche.
 Fünf übermannshohe hölzerne Stege spannt Samsonow mit zwölf Saiten zu einem riesigen Instrument zusammen. Als Klangraum dient die gotische Dominikanerkirche.
Fünf übermannshohe hölzerne Stege spannt Samsonow mit zwölf Saiten zu einem riesigen Instrument zusammen. Als Klangraum dient die gotische Dominikanerkirche. – (c) Zeitkunst NÖ/Christoph Fuchs

Die vom Zeitgenossen-Spin-off des NÖ-Landesmuseums Zeitkunst bespielte Dominikanerkirche in Krems ist ein herrlicher Platz für Statements, für die große Installation. Manfred Wakolbingers spermoide „Göttervögel“ sind eindrucksvoll im Chorraum gelandet. Marianne Madernas Mensch-Tier-Mischwesen „Humanimals“ erstanden aus dem Finsteren. Jetzt hat Elisabeth von Samsonow den profanisierten Kirchenraum mit posthumanistischen Klangskulpturen besetzt – die Entdeckung anderer Lebensformen scheint hier Programm. Hat Krems sich zur heimlichen Außenstelle der Documenta 13 gemausert, bei der Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev das Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren gefordert hat?

Klingt skurril, ist es auch und sicher nicht jedermanns Sache, aber wo sonst als in der Kunst können solche Ideen möglichst unpeinlich formuliert und zumindest visuell erforscht werden? Ein wenig von diesem neumodischen Post- oder Transhumanismus, also ein wenig über unsere menschlichen DNA-Ränder zu schauen, täte uns allen nur gut. Meint Elisabeth von Samsonow, die sich eine Erweiterung unseres Daseins und Bewusstseins in Form von menschlich-animalischen-vegetativen Hybriden auf ihre Fahnen geschrieben hat – und von diesen Fahnen trägt sie einige mit sich, sie ist ein exotisches Hybridwesen aus Philosophin und Künstlerin.

 

Wie aus Alices Wunderland

Samsonow ist eine der erstaunlichsten Künstlerkarrieren der letzten Jahre in Österreich gelungen. Ihre Präsenz hat derart zugenommen, dass man sie nur mehr schwer ignorieren kann. Ihre äußerst theatralen Performances, bei denen märchenhafte Mischwesen gern in Prozessionen auftreten, führte sie zuletzt im Museumsquartier, im Freud-Museum und im Kunstraum NÖ auf. Dort stellte sie sich selbst aus, ließ sich die 1956 als Tochter eines oberbayrischen Schmieds geborene Professorin der Wiener Kunst-Akademie Anfang des Jahres öffentlich narkotisieren. Ließ sich also, ein subversiver Akt, gerade als Philosophin ihres Bewusstseins berauben, um dann ihren (endlich) „echte“ Kunst gewordenen Körper wie Schneewittchen von den Besucher-Zwergen beschauen zu lassen. Denn gerade eine Philosophin, so das Vorurteil, an dem ihre künstlerische Anerkennung lang gelitten hat, kann nicht zugleich eine „gute Künstlerin“ sein.

Über ihren narkotisierten Kunstkörper wachte als Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein, sie tut es jetzt auch. Und wieder geht es um einen Körper: um einen aus Klang. In den langen Chorraum hat Samsonow ein monumentales Saiteninstrument gebaut, aus fünf übermannshohen Stegen (lateinisch pontes übrigens, mit Samsonow als Pontifex Maxima). Diese „Brücken“ sind fast lieblich in gelb, rosa, weiß verziert, manche stehen aufrecht, manche scheinen zu kippen – irgendwie erinnern sie an die zum Leben erwachten Spielkarten in Alices Wunderland.

 

Zauberhafte Töne im Echoraum Gottes

Über sie gespannt sind zwölf meterlange Saiten, die wie durch ein Wunder, also mechanisch, bespielt werden; die Besucher dürfen aber auch selbst zupfen und schlagen. So wird die Kirche als Echoraum Gottes zum Klangkörper einer Ideologie, die durch die Skulpturen Samsonows verkörpert wird, an denen man vorbeischreitet, wenn man sich dem zauberhaft tönenden Saitenspiel nähert. Hat Samsonow ihre grob gehauenen, wie einem archaischen Sci-Fi-Kult entspringenden Lindenholz-Totems früher lückenlos bemalt, sind die jüngsten „Transplants“ nur noch halb von Farbe „geschützt“, wie Samsonow sagt, sie zeigen ihre Urform, das Holz.

Geht es doch darum, das serielle Mischwesen aus Mensch und Baum zu betonen: Die dreifach geklonte, menschlich anmutende Figur, steht starr, mit Riesen-Ohrwascheln und Händen, in der Baumstamm-Achse, behütet von einer Art Baumschwamm als Dach. Das ist eindeutig etwas für die Faunin in uns. Aufgewühlt davon, kann man in einer grün gepolsterten Baumstammspalte Platz nehmen und gedankenverloren Cellosaiten zupfen. So bequem hat man sich den Weg zum vegetativen Selbst bisher schlicht und einfach nicht vorstellen können.

Dominikanerkirche Krems: bis 16. 10., tägl. 11 bis 16 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2016)

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