Budapest: Nachhilfe in Monarchiekunst

Die Kunsthalle Budapest widmet sich zu ihrem Jubiläum mit einer monumentalen Sonderausstellung der Kunst der Jahrhundertwende – und zeigt unbekannte Meister aus den Kronländern.

(c) Kunsthalle Budapest

Die Kunsthalle Budapest feiert ihr 120-jähriges Jubiläum mit einer monumentalen Sonderausstellung: Das erste Goldene Zeitalter in der Malerei der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Das Mücsarnok (wie die Kunsthalle auf Ungarisch heißt) ist ein klassizistischer Tempel auf dem Pester Heldenplatz. Erbaut wurde er als neue Heimstatt für die Ungarische Gesellschaft für bildende Kunst, eine Zwillingsorganisation des Wiener Künstlerhauses. Eingeweiht hat ihn Kaiser Franz Joseph – bei uns hat er nicht gerade den Ruf eines großen Kunstfreunds, aber in Ungarn rechnet man es ihm hoch an, dass er von den damals hier stattfindenden „Salonausstellungen“ über 200 Werke erworben hat. Und daher flankieren auch zwei überlebensgroße Porträts Seiner Majestät sowie seiner von den Magyaren so geliebten Gattin, Sisi, den Eingang zur „Goldenen Zeitalter“-Schau.

Diese ist für die Kunsthalle ein ausgesprochenes Unikat. Denn gegründet wurde sie ja als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst, und dieser Bestimmung blieb und bleibt sie auch bis zum heutigen Tage treu. Zum Jubiläum wollte man aber doch etwas Besonderes wagen – und einen Rückblick auf die eigene Geschichte versuchen . . .

Nun weiß man ja, dass sich die Ungarn seit 1918 als die eigentlichen und besseren Erben der gemeinsamen Monarchie betrachten: Die einzigen Ehrenbezeugungen am Grab des letzten Kaisers, Karls I., auf Madeira stammen von ungarischen Institutionen, und soeben hat man auch den Nachlass des Kaisersohnes Otto dem Stift Klosterneuburg weggeschnappt – und wird ihm in der Budaer Burg einen gebührenden Platz einräumen.

 

Nationale Propaganda? Weit gefehlt!

Wenn man nun den Ausstellungstitel liest, hätte man zunächst befürchten können, dass die Gelegenheit (wie so viele in letzter Zeit) als Anlass für großungarische nationale Propaganda missbraucht würde. Aber Gott sei Dank weit gefehlt: Die Kunsthalle war nämlich von Anfang an ein offenherziger, freier Ort, der Künstler diversester Nationen und Kunstrichtungen ausstellte – vielleicht auch, weil hier mehr die Mäzene als die malenden Mitglieder das Sagen hatten. Wenn nun also die Kuratorin, die in Wien ansässige ungarische Kunsthistorikerin Ilona Sármány-Parsons, Gemälde nicht nur aus Ungarn, sondern auch aus Österreich, Tschechien, Polen und Kroatien ausgewählt hat, folgt sie damit bloß den Intentionen der Gründer: Alle ausgewählten Künstler sind nämlich von 1896 bis 1905 bei den Salonausstellungen der Kunsthalle präsentiert worden.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Hauptteile: Historismus, Realismus/Naturalismus, Fin de Siècle. In allen hängen die Bilder aller Kronländer traut nebeneinander, um zu beweisen, wie stark die gedankliche, stilistische, emotionale Symbiose zwischen ihnen war. In einem „Epilog“ ist das Ordnungsprinzip dann das der nationalen Herkunft. Und man sieht und spürt, wie Sujets, Stil und Gefühl plötzlich auseinanderfallen – so wie wenig später die Monarchie selbst.

Für den Gast aus Österreich ist der Gang durch die Ausstellung eine beschämende Nachhilfestunde, denn von ca. 90 Prozent der Künstler hat man vorher ehrlicherweise noch nichts gehört: Makart ja, Matejko zur Not noch – aber Jakob Schikaneder (ein Urenkel des „Zauberflöte“-Autors)? Mihály Munkácsy? Károly Ferenczy? Poll Hugó? Dabei sind das alles keine unbedeutenden Künstler, sondern nahezu ausnahmslos eigenständige und originelle Meister ihres Fachs.
Das „Goldene Zeitalter“, ein über die bildende Kunst weit hinausweisender Parcours und eine Entdeckungsreise durch die Kunstgeschichte der ausklingenden österreichisch-ungarisch-tschechisch-polnisch-kroatischen Monarchie, ist noch bis 12. März zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2017)

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